12:11:37 – Besserwisserresultat

Wie es sich für ein vernünftiges Wesen gehört, betrachtete ich in gebührendem Abstand und angemessen argwöhnisch diese riesige Pfütze, die kein Ende nimmt und direkt in den Himmel übergeht. Ein grenzenloses Element aus Blau-, Grün- und Grautönen. Es roch salzig und bedrohlich. Aber T war fest entschlossen, dass das, was ihr gefällt, auch automatisch mir gefallen musste. (Viel später, zurück in Deutschland, an einem See, der ganz von Schilf umrandet war, hat sie mir mal gestanden, dass sie sich gruselt, wenn sie nicht sehen kann, was unter ihr schwimmt.)

An diesem Tag, der übrigens weder sonderlich sonnig noch bis dahin sonst wie besonders war, ist T mit mir einige Kilometer über den Strand gelaufen. Immer an der Wasserkante entlang. Angeleint! Jawohl! Denn die Franzosen haben, bei aller Lässigkeit, Angst vor Hunden. Große Angst. So groß, dass sie das scheußliche Wort Leinenpflicht überall auf Schilder malen. Was für eine idiotische Verordnung. Nichts gegen Pflichten im Allgemeinen. Aber in diesem Fall macht es allen – Hunden wie Zweibeinern – das Leben bloß unnötig schwer. Wer mag schon in seinem Entdeckerdrang eingeschränkt werden? Wem gefällt ernsthaft der Zwang, nicht freundlich guten Tag und wie geht’s oder tschüss und bis bald in seinem eigenen Tempo wünschen zu dürfen? Zweibeiner haben bemerkenswert irritierende Vorstellung von einem friedlichen Miteinander. Denn soviel ist mal sicher: Solche Verbote helfen niemanden. Und das Leben machen sie definitiv auch nicht sicherer.

mit Hunden Schwimmen

Aber T wäre ja nicht T, wenn sie Vorschriften nicht grinsend ignorieren würde. Als O und seine Kinder die anderen französischen Strandläufer und -lieger kaum noch zu sehen waren, befreite sie mich von meiner Leine, sich selber von ihrem Kleid und lockte mich mit guten Worten und einer beachtlichen Anzahl kleiner Knusperkekse bis zum Rand der Riesenpfütze. Dann stürzte sie sich hinein, jauchzte: Es ist großartig. Na, los. Trau dich! Neugieriges junges Ding, das ich nun mal war, streckte ich selbstverständlich vorsichtig eine Pfote aus, bzw. hinein. Aber mehr wollte ich nicht. Mehr interessierte mich nicht. Ich rief T zurück, wollte lieber weiter durch den warmen Sand rennen. Als T nicht reagierte, ging ich ein paar Schritte weiter in das seltsame Nass. Bis zu den Knien. Immerhin. T gab alles, aber weiter ließ ich mich nicht überreden. Bedauernd sah ich zwar die Kekse ertrinken, doch das Fressschwein in mir konnte sich nicht durchringen sie zu retten.

*

Ach, T, meine wunderbare Besserwisserin. Gut, dass sie an diesem Tag mein Zögern ignorierte. Sie kam heraus, lockte mich erneut mit einem Keks in der Hand. Ich konnte nicht widerstehen. T streichelte mich. Ich fühlte mich in Sicherheit. Und im nächsten Moment schob T ihre Arme unter meinen Bauch und hob mich hoch. Das hatte sie schon lange nicht mehr getan. Bevor ich mich von meiner Überraschung erholen konnte, schleppte T mich Schritt für Schritt weg vom sicheren Festland. Schreckensstarr und nassersackgleich hing ich auf T’s Armen. Ich spürte das wilde Klopfen von T’s Herz (oder war es mein eigenes?). Mein kleiner Köterkopf war leer und gleichzeitig voller Fluchtgedanken.

Ich begann panisch zu zappeln, aber T ließ mich nicht los. Das war der einzige Moment in meinem Leben, in dem ich T beißen wollte. T hielt mich fest umschlungen. Es wird dir nichts Schlimmes passieren. Versprochen, hat sie gesagt und dabei gelacht. Wenn T lacht, dann ist die Welt in Ordnung. Ihre Welt zumindest. Mir blieb nichts anderes übrig – ich musste ihr vertrauen. Das wollte ich ja auch. Trotzdem quälte mich namenlose Furcht. Ich jaulte leise, damit T wusste, wie groß meine Angst war. Du wirst es lieben, Milla, hat sie gesagt, ich schwöre. Ich zitterte trotz meiner Liebe zu T, bibberte auf ihren Armen, verdrehte den Kopf, um ihr das Gesicht zu waschen. Weniger, um ihr zu zeigen, dass ich ihr glaubte, als um mich selber zu beruhigen. Ich werde immer auf dich aufpassen. Dir wird nie etwas passieren. Das hatte mir T versprochen, damals, als sie mich von Bauer G zu sich nach Hause holte. Als ich in diesem Karton saß, auf T’s Schoß, T mich streichelte, während ich nicht wusste, was mit mir passierte, wohin T mich brachte. Ob sie ihr Versprechen halten würde. Hat sie. Bis heute. Dass ich einige Mal gebissen, von einem Auto angefahren, unter einem Fahrrad begraben wurde und immer wieder vom Rasenmäher und dem Staubsauger angegriffen werde, gehört wohl zu einem normalen Hundeleben. Und ist nun wirklich nicht T’s Schuld.

An dieses Versprechen klammerte ich mich jetzt genauso wie an T. Ich hatte meine Vorderpfoten um ihren Oberarm geschlungen. Und der wurde plötzlich erschreckend weich. Ich begann erneut panisch zu strampeln. Das Wasser platschte mir inzwischen schon an den Bauch. Und da ließ T mich los – sanft glitt ich in das Wasser hinein, das ich später als Atlantischer Ozean abgespeichert habe.

Schwimm, Milla. Du kannst das, hat T gesagt und sich ein Stück von mir entfernt. Mir blieb vor Schreck erst die Luft weg, dann schnappte ich hektisch nach ihr – und schwamm. Zuerst orientierungslos im Kreis. Das salzige Wasser spritze mir in die Augen. Es brannte. Es dauerte einen Moment, bevor ich die rettende Stelle entdeckte, an der T mich auf die Arme genommen hatte. Als würde ich verfolgt, nein, gejagt, paddelte ich wild mit Vorder- und Hinterläufen, verschluckte mich, reckte meine Schnauze steil in die Luft. Keuchte und prustete mich hektisch zum Ufer. Schließlich und endlich spürte ich den sicheren Sand unter meinen Pfoten. Stürmte aus dem Wasser. Am rettenden Ufer angekommen, schüttelte ich einen fliegenden Schauer glitzernder Regenbogentropfen aus meinem Fell. Vor Erleichterung, dass mir nichts passiert war, bellte ich den Atlantik an. T stand noch immer an derselben Stelle, das Wasser bis zum Hals, und winkte mir zu. Komm, Puppy, zeig, was du kannst, hat T laut gerufen. Unentschlossen tanzte ich im Sand vor und zurück. T hatte versprochen, mir würde nichts passieren. Mir war nichts passiert. Das Gefühl, durch das Wasser zu laufen, ohne den Boden zu berühren, sich leicht zu fühlen und sich trotzdem bewegen zu müssen, um nicht unterzugehen – beängstigend, verlockend, neu. T’s Lockruf schallte wieder und wieder und wieder über das Wasser. Voller Selbstvertrauen stürzte ich zurück in die Fluten. Schwamm zu T, um sie herum und wieder zurück zum Ufer. Es war fantastisch. Ich konnte schwimmen!

Seit Frankreich ist – manchmal zu T’s Leidwesen – kein Tümpel, kein Teich, kein See, und vor allem das Ostmeer nicht mehr vor mir sicher. Inzwischen ziehe ich weite und lange und ruhige und sichere Bahnen durch das Wasser, und pruste dabei laut. T nennt mich seitdem übrigens auch gerne Seekuh.

Wir haben O und seine Kinder vier Sommer später noch mal besucht. Wir waren auch einige Male in der Schweiz. Regelmäßig bei Öpa, oft am Ostmeer, hin und wieder in Hamburg. Wir reisen viel. Und heute werde ich ganz sicher nicht meine letzte Reise antreten. Was weiß denn Dr. C schon von T’s und meinen Urlaubsplänen?

Copyright Tina Gorf

Schreibe einen Kommentar

*