12:11:28 – Umweg

T behauptet ja in schönster Regelmäßigkeit, der Weg ist das Ziel. Muss sie MIR nicht erklären. Wenn ich unbedingt meinen Ring oder ein Stöckchen aus dem Wasser retten will, dann lege ich mich dafür sehr ins Zeug. Sollte T aber aus unerklärlichen Gründen in dem Moment was anderes wollen als ich, dann warte ich einfach auf die nächste Gelegenheit. Denn, auch das hat T irgendwann erkannt, manchmal braucht man eben einen langen Atem. Schon erstaunlich, dass ausgerechnet T das sagt. Und sogar meint. Manchmal jedenfalls.

Sobald T sich nämlich bewusst macht, dass der Weg ja eigentlich das Ziel ist, wird der plötzlich zur quälenden Herausforderung. Der großen, der ganz großen Qual. Irgendwann ploppt der Punkt auf, an dem T ver- und zweifelt, mit allem und jedem hadert, schimpft, tobt, weint, sich aufregt, sämtliche Zuversicht verliert, wenn es nicht so klappt, wie sie es geplant hat (meine Rede: ohne Pläne ist einfacher). Auf unserem Weg in die Normandie allerdings, da blieb T erstaunlich ruhig und gelassen, als wir in die falsche Richtung fuhren, weil wir die falsche Abfahrt genommen hatten. Ein ansehnlicher Umweg. Der uns durch Dörfer führte. Über Bäche und Flüsse, durch mehrere Wälder und viel Landschaft.

Aber am Ende fand T eben doch noch das Ziel. Nach über 1000 Kilometer waren wir endlich in der Nähe von Cherbourg. Geschichtsträchtige Stadt, erklärte uns O ein paar Tage später bei einem Rundgang durch die Straßen. Titanic und so. Am Ausgang von Cherbourg rief T dann O an und der erklärte ihr den Weg zu seinem Haus. Trotzdem hat T sich noch ein paar Mal verfahren. Was kein Wunder ist: So viele kleine Straßen, und alle ohne Namen. Aber dann hatten wir es tatsächlich geschafft. Vor Stolz und Begeisterung und Vorfreude hat T gehupt. Aber niemand kam. Kein O tauchte auf, um uns zu begrüßen.

Dafür entdeckte ich dieses ausnehmend hübsche französische Katzentier. Sie lag lang ausgestreckt vor der verschlossenen Tür von O’s Haus. Vorsichtig tapste ich ihr mit höflich gesenkter Schnauze entgegen. Sie roch zunächst nicht anders als die Katzen in Deutschland. Doch bei ausführlicherer Beschnupperung stellte ich gravierende Unterschiede fest: Dieses weiße Franzosenexemplar verströmte den Duft von freundlicher, zugewandter Gleichmut, ohne Angst, Aggressivität oder Arroganz. Einer unvorhersehbar angenehmen Überraschung folgte die nächste: Ich wurde weder angefaucht noch mit scharfer Kralle bedroht. Stattdessen schenkte mir die Katzendame einen sanften, fast schon gelangweilten Blick aus faszinierend grasgrünen Augen.

 Bonjour, ma petite chatte, hat T gesagt und mir zugeflüstert: La chatte heißt Katze. Ich war beeindruckt, wie gut T ausländisch sprach. La chatte rollte sich mit gestreckten Hinterläufen und Vorderbeinen auf den Rücken, präsentierte ihren flauschigen hellen Bauch, drehte sich elegant zurück. Saß nun, den Schwanz anmutig um die Hinterpfoten drapiert, und säuberte sich mit winzigen Bewegungen sorgfältig die Ohren. Meinem höflichen Hallo, ich bin Milla aus Deutschland, schenkte sie einen graziösen Blick mit geneigtem Kopf und hauchte: Bonjour, Mademoiselle Milla d’Allemange. Je m’appelle Coco.

Madame Coco (natürlich hieß sie wie diese berühmte Parfüm-Erfinderin) und ich waren einander sofort sympathisch. Sie hat mir nicht nur eine sanfte Nasenberührung gestattet, sondern während unseres gesamten Aufenthalts auch immer wieder meine Nähe gesucht. Mehrfach haben wir zusammen in der Sonne gedöst. Mais, c’est ça. Viel mehr gibt es über die zarten deutsch-französischen Bande, die ich damals zu knüpfen bereit war, nicht zu sagen. Madame Coco liebte es nämlich mondän. Und das bedeutet, sie schwieg die meiste Zeit vornehm.

*

Trotz einiger Sprachholperigkeiten gefiel T und mir la vie française bei O ausnehmend gut. O servierte viel Fisch (ölig-knusprige Flossenviecher sind definitiv eine andere Nummer als trockene Huftier-hinterlassenschaften), schenkte uns viele neue, aufregende Gerüche (einige hat T später in unserem Garten angesiedelt) und jede Menge aufregender Ausflüge. Immer dabei waren O’s kleine Zweibeiner A, M und M und manchmal auch seine Frau. Man ahnt es schon: Auch französische Zweibeiner halten mich für eine kleine Kuh. Une petite vache, hat die kleine M gesagt und gelacht.

Nach unseren Ausflügen saßen T und O zusammen bei Rotwein, redeten viel und aßen dabei hauchdünne Pfannkuchen, die unverschämt köstlich rochen und die ich, dank meiner innigen Freundschaft zu O’s jüngster Tochter M, probieren durfte. Was diesen Urlaub in der Normandie aber zu etwas Unvergesslichem gemacht hat: Ich habe meine Liebe fürs Schwimmen entdeckt.

Hündin Milla in Frankreich

Zwischen entdecken, gezwungen werden, lernen und schließlich lieben, besteht in diesem Fall ein sehr enger Zusammenhang. Quasi eine Kausalität. Denn genau das ist passiert: T hat mich zu etwas Unbekanntem gezwungen. Auch etwas, was zum ersten Mal in meinem Leben passierte. Denn es gab und gibt genau genommen nichts, zu dem T mich je so rabiat überredet hat. Weil T nichts von Zwang hält. Ihn sogar vehement ablehnt und sich auch gerne dagegen auflehnt.

In diesem speziellen, mein Leben verändernden Fall war das vollkommen anders. T ignorierte stoisch sämtliche meiner Bedenken. Überging meinen Protest, nahm meine Ängste nicht ernst und nötigte mir ihren eigenen Willen auf. Dafür bin ich T dankbar. Im Rückblick. Damals war ich überaus verängstigt, um nicht zu sagen, erschüttert. Weil das Ergebnis dieser Zwangsaktion aber wundervoll war, habe ich T verziehen, dass sie mir, gerade mal neun Monate alt, das Meer zugemutet hat.

 

www.millas-blick.de

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