Roman Millas Blick

12:23:31 – Leihoma

Nach ein paar Besuchen hat M-in-Klammern-90 dann also zu T gesagt: Ich bin dankbar, dass wir uns getroffen haben. Du bist für mich eine Ersatztochter. Da ist T ganz rosig geworden, hat die Hand von M-in-Klammern-90 gestreichelt und versprochen, immer für sie da zu sein. Das ist seit unserer ersten Begegnung auch so. Wir besuchen M-in-Klammern-90 fast so oft wie den Thüringer. Immer hat M-in-Klammern-90 Kekse für mich, Tee für T und Antworten auf die Fragen, die T nicht beantworten kann. Und nach jedem Besuch ist T glücklich, dass M-in-Klammern-90 in unserem Leben ist und freut sich auf das nächste Wiedersehen.

Nur eins hat sich seit unserem ersten Treffen verändert: T nennt unsere Freundin mit den Wolkenhaaren jetzt M-in-Klammern-95.

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Wenn T glücklich ist, tanzt sie. Wenn’s sein muss, auch ohne Musik. Oder zählt eins-zwei-drei-Pause-fünf-sechs-sieben. Geht dabei erst drei Schritte zurück, wartet kurz, und geht drei wieder vor. Manchmal dreht sie sich auch. An diesem Wahlverwandtschaftstag, gleich, nachdem ich M-in-Klammern-90 in unser Leben geholt hatte, fuhren T und ich zum See. Ich hatte meinen roten Ring dabei, T warf ihn ins Wasser. Und dann übte sie so eine getanzte Drehung. T kann sehr ausdauernd sein, wenn sie etwas wirklich will. Und diese elende Linksdrehung wollte sie offensichtlich wirklich sehr. Fünf Mal drehen, einmal Ring werfen. Ich flog den Abhang hinunter, sprang ins Wasser, rettete den Ring. T tanzte. Ich flog, sie tanzte. Fliegen, tanzen – nicht die optimale Ausgangssituation für einen erfüllten Nachmittag an unserer Lieblingsstelle am See, aber immerhin eine durchaus funktionale Kombination.

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Hätte T nicht plötzlich stillgestanden. Normalerweise nimmt T ihr Handy nicht mehr mit, wenn wir einen Ausflug machen. Es gab zwar diese Sommer, in denen sie soviel gearbeitet hat, dass sie immer nur während unserer Hunderunden mit wem-auch-immer-sprach. Aber wirklich gefallen hat ihr das nicht. Diese ewige Erreichbarkeit macht mich irre, behauptet T inzwischen sogar. Wer bei Spaziergängen telefoniert, statt die Ruhe zu genießen, muss echt einen an der Waffel haben. Mir ist es egal, ob T einen an der Waffel hat oder nicht, solange sie nicht vergisst, Stöckchen in Lebensgefahr zu bringen, die ich aus dem Laub oder dem Wasser retten kann.

Am Wahlverwandtschaftstag hatte T aber nach langer Abstinenz mal wieder einen an der Waffel. Und weil das so war, weil T telefonierte, vergaß sie meinen Rettungsschwimmerjob. Ich legte ihr den Ring vor die Füße. Keine Reaktion. Ich hob ihn auf, ließ ihn wieder fallen. Nichts. Als weder jammervolles Fiepen in hoher, noch empörtes Kläffen in tiefster Frequenz halfen, produzierte ich provozierend Regenbogentröpfchen, direkt neben T (was ich als höflicher Hund normalerweise NIE tue). T reagierte nicht. Ich folgerte, es müsse ein sehr wichtiges Gespräch sein. Was blieb mir anderes übrig, als eine Pause einzulegen und mich neben T zu legen? Manchmal braucht T nämlich moralische Unterstützung beim telefonieren. Kann sie kriegen. Kriegt sie. Diese meine Zwangspause brauche ich zwar nie, nutze sie aber immer. Indem ich ein nasses Stöckchen zerlege. Oder ein neues suche. Oder Mücken pflücke.

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das freut mich sehr, hörte ich T sagen und entspannte mich. Wenn T sich freut, braucht sie keinen Beistand. Also nagte ich an einem dicken nassen Ast, der an diesem Tag vermutlich nicht mehr ins Wasser segeln würde. Sie sind mein erster Fan, sagte T und klang überrascht. Und geschmeichelt. Was ist ein Fan? Wozu braucht man den? Wieso braucht T einen? Ich unterbrach das Stöckchennagen, um besser zuhören zu können. Dann begriff ich: T sprach mit einer Zweibeinerin, die Biancas Wege zum Glücksehr mochte. Und deswegen brauchte sie jetzt T’s Hilfe.

Wie erwähnt: T mag alte Zweibeinerinnen. Und wenn dann noch eine in Not ist, lässt T alles stehen und liegen, um zu helfen. Und diese Zweibeinerin (übrigens auch eine Dame, aber dazu später) war in großer Not. In allergrößter. Denn sie hatte zwar alle 224 Folgen von Bianca im Fernsehen gesehen. Aber eben nur einmal. Sie wollte sie aber noch einmal schauen. Und noch mal und immer wieder. Sie hoffte, dass T ihr die Folgen leihen würde. Konnte T aber nicht. Weil sie nicht mal eine Folge auf DVD hatte. Was T nicht davon abhielt, der Zweibeinerin zu versprechen, alle Folgen zu besorgen.

Die Anruferin aus Greifswald heißt Frau K, war damals 78 (inzwischen ist sie 88; noch so eine unglaublich hohe Zahl), Witwe und lebt seit über 60 Jahren in der selben Wohnung. Das alles erzählte sie T bei diesem ersten Gespräch. Und T erzählte von mir, von uns und unserem Leben und sagte irgendwann: Ich vermisse meine Oma sehr, obwohl sie schon über 20 Jahre tot ist. Und dann passierte das, was T gegenüber Onkel A als unglaubliches Geschenk bezeichnet hat: Frau K sagte nämlich: Ich wäre sehr gerne Ihre Leih-Oma, wenn Sie mögen. Da schwammen T’s Augen und ihre Stimme wurde sehr weich und leise und ich verstand nicht mehr, worüber sie noch alles sprachen.

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T und Frau K haben so lange miteinander geredet, dass mein Fell schon wieder trocken war, als es endlich nach Hause ging. Ein paar Tage später bekam T einen Brief von Frau K, den die mit Ihre Brief-Omi C unterschrieben hatte. Seitdem schreibt T als Ihre Briefenkelin  an meine liebe Briefomi. Jeden Monat. Die DVD-Sammlung mit allen Bianca-Folgen hat T über einige Umwege besorgt und nach Greifswald geschickt. Inzwischen hat T eine ganze Kiste voller Brief-Omi-C-Briefe. Und nachdem der Boden der Kiste schon nicht mehr zu sehen war, sagte T: Es wird höchste Zeit, dass wir unsere Brief-Omi besuchen.

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