12:25:55 – Wolkenthron

Dieses letzte Weihnachten war anders. Öpa wollte nicht wie all die Jahren sonst mit T vierhändig in die Tasten hauen. Er war zu müde und saß auf seinem Sofaplatz, mit dem Rücken zum Fenster und Blick auf den leuchtenden Tannenbaum. Geredet hat er kaum. Überhaupt war es nicht so lustig wie früher. Öpa hat zwar gelächelt, aber seine Augen waren müde und seltsam leer. Alle haben versucht, Öpa aufzuheitern, aber so richtig hat das nicht geklappt. Als es plötzlich klingelte und eine Freundin von C und T mit ihrer Zweibeinerenkelin ins Wohnzimmer stolperte, wurde es sehr laut. Denn die kleine Zweibeinerin plapperte die ganze Zeit und wollte unbedingt mit mir spielen. T’s Gedanken waren meine: Das ist mir alles zu viel. Zu laut. Ich roch T’s unterdrückte Ungeduld. Du, lass mal die Milla bitte in Ruhe. Die ist alt und mag das nicht, hat T zu dem Zweinbeinerwinzling gesagt. Dabei hat T zu Öpa geguckt, der auch sehr erschöpft roch und trotzdem gelächelt hat. Öpa kann viel besser als T seine echten Gedanken verstecken.

Als der Besuch wieder weg war, sind auch die Kinder von C und C’s Mann gegangen. T hat mir meine rote Schleife abgenommen, und endlich wurde es ruhig und friedlich. Ich habe mich wieder in den Flur auf den Teppich gelegt und Öpas M und H und T und C beobachtet, die in der Küche gesessen haben. Normalerweise sitzt Öpa auch immer mit in der Küche. In diesem Jahr aber nicht. Ich habe nachgeguckt – Öpa war auf seinem Sofa eingeschlafen. Im Sitzen. Ich habe mich zu seinen Füßen gelegt und auf ihn aufgepasst.

*

Alles hat seine Zeit, sagt T’s Mutter I gerne. Und oft sagt T dann: Ich würde die Zeit gerne anhalten. Manchmal sagt T auch: Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Ich möchte weder das eine noch das andere. Eben war ich noch ein kleiner Köter, der ungelenk und neugierig und voller Elan durchs Leben geprescht ist. Jetzt bin ich eben alt und brauche meine Ruhe. Ruhe klingt weich und entspannt und nach – Ruhe.

Ich habe so viele lange und rasante Radtouren durch den Wald unternommen. So viele Stöckchen aus dem Wasser gerettet. So viele wilde Wiesenwettrennen gewonnen. Bin mit so vielen anderen Vierbeinern über den Strand gestürmt, durch den Schnee oder über zugefrorene Seen galoppiert. Habe getobt und gespielt und bin gerannt. Habe so viel gelernt. Damit ist jetzt Schluss. Ich werde das alles nie mehr tun. Und das ist auch gut so. Es gibt nichts, was ich verpasst habe. Nichts, was ich anders machen würde. Nichts, was ich vermisse.

T hat mir vorgestern eine Hundespur gelegt. Ich bin sicher, es war die größte, die sie mir je geschenkt hat. Und zum ersten Mal hatte T ihr Handy die ganze Zeit auf mich gerichtet, folgte mir damit in einigem Abstand. Das Gras war beinahe weich, die wenigen braunen Blätter haben leise geknistert. Es hätte Schnee liegen und kalt sein müssen. Stattdessen schien die Sonne ein bisschen. Einige Strahlen lugten durch den Zaun und lagen auf dem Moos. Ich bin langsam durch den Garten gegangen, nur einmal kurz mit den Hinterläufen eingeknickt.

Ich habe mich nicht gehetzt bei dieser meiner Hundespur. Gründlich jedes bekannte Versteck untersucht und nur einmal musste T mir einen Tipp geben:Puppy? Hier. Ach, den Keks im Apfelbaumastloch übersehe ich immer. Alle anderen Kekse habe ich gefunden. Nach der Hundespur war ich erschöpft und habe mich ins Körbchen gekuschelt. Satt und dankbar und zufrieden.

Mir ist plötzlich klar: T wird mir keine Hundespur mehr legen müssen. Nie wieder. Denn alles hat seine Zeit. Meine ist vorbei. Ich werde meine Wolke nicht mehr verlassen.

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