12:22:19 – Beutezugstationen

Trage ich Beute nach Hause, ist mir natürlich bewusst, dass es mit dieser Maulsperre nicht ganz einfach ist, seinen sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Was kein großes Problem ist, wenn wir Mister F.B.I treffen. Der behäbige Eddie freut sich zwar, wenn wir uns begegnen, ist aber alles andere als gesprächig. Labrador eben. Im Gegensatz zu Rottweiler-Rocco. Der tanzt vor Freude, wenn er mich sieht. Und erzählt ausführlich die neuesten Geschichten aus der Nachbarschaft. Natürlich kann ich dann meine Schnauze und folglich meine Beute nicht mehr halten. Mein zu tragendes Päckchen plumpst ins Gras und T erinnert mich dann daran, dass ich einen Auftrag habe. Der da lautet: Nimm’s mit.

Bei Dino muss ich aufpassen. Er hat sich das Beutetragen von mir abgeguckt und liebt es, mir meine Transportfracht abzuluchsen. Da fällt mir ein, dass wir ihn schon sehr lange nicht mehr getroffen haben. Ariel und Emmi sind ebenfalls nicht sonderlich gesprächig und auch Amber geht meist an mir vorbei. Ich kann einfach besser mit Rüden. Auf unserem Zug durch die Gemeinde treffen wir oft auch den nervösen Beagle Julius, der immer nur zetert und zerrt. Manchmal begegnen wir auch Maylow mit seinem Zweibeiner. Während Kneipen-A und mich ja eine so heimliche Zuneigung verbindet, dass sie außer mir niemand bemerkt, zeigt Maylow inzwischen kein übergroßes Interesse mehr. Ich halte es da mit T, die in solchen Situationen gerne sagt: Wer nicht will, der hat schon. Abgesehen davon, ich habe mich noch nie einem Rüden an den Hals geworfen. Ich vermute allerdings, seit Maylows Schnauze mehr grau als schwarz ist, würde er am liebsten nur noch im Körbchen liegen.

Wenn wir Kneipen-A und Maylow getroffen haben, sind es nur noch ein paar Schritte bis zu Buch-K. Jedes Mal sagt T: Nur kurz gucken. Weder nur noch kurzund schon gar nicht guckenentsprechen der Wahrheit. Nur kurz guckenbedeutet kaufen. Immer. Denn T kann einen Buchladen NIE ohne Beute verlassen. Obwohl wir eigentlich gar keinen Platz mehr für bedrucktes Papier haben. Obwohl T sich doch sogar einen Erinnerungszettel an die Haustür geklebt hat: Die Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not auch selber schreiben. Tut T aber nicht. Scheint keine Not zu geben. Zumindest noch nicht.

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Buch-K besuche ich übrigens besonders gerne. Sie hat eine so angenehme Glöckchenstimme und ein Glöckchenlachen. Manchmal haben wir Glück und Buch-K ist mit ihren ganzen Staubfängern alleine in ihrem engen Zuhause. Dann habe ich freien Blick auf den Keksteller. Der leider immer nur dann auf mich wartet, wenn in den Bäumen Lichterketten glitzern.

Als Buch-K mein Belohnungsprinzip – ich warte geduldig, bis alles erledigt ist, was zu erledigen ist, dafür gibt es dann ein Lecker – noch nicht kannte, hat T ihr beim Beutebezahlen heimlich ein Stück Traubenzucker hingelegt und geflüstert: Für Milla. Den Traubenzucker hat Buch-K mir dann geschenkt. Ich liebe T dafür, dass sie Belohnungs-Enttäuschungen zu vermeiden weiß. Und das gelingt ihr eigentlich immer. Während ich also den Traubenzucker ohne zu kauen runterschluckte (er krümelt so sehr, dass er unterm Gaumen kitzelt) sagte T: Milla ist übrigens ein Öko-Köter. Den Ausdruck hörte ich bei Buch-K zum ersten Mal. Er gefiel mir. Öko-Köter klingt doch irgendwie vornehmer als Fress-Schwein. Vorbildlicher. Geradezu nachahmenswert. Und beinhaltet, dass ich weder Mandarinen noch Weintrauben oder Äpfel je ablehnen würde. Hat Buch-K sofort verstanden. Und nie mehr vergessen.

Bei unserem nächsten Besuch nagte sie gerade sorgfältig an einem Apfel. Ich sah ihr aufmerksam dabei zu. T zischte: Bloß nicht wegschmeißen. Worauf K mit ihrer Glockenstimme sang: Naaaaaa, Milla?Dieses naaaaaa löst bei mir jedes Mal einen schief gelegten Kopf bei gleichzeitig nach vorne geklappten Ohren und starren Blick aus. Worauf Buch-K ihren blonden Kopf ebenfalls ein bisschen kippte und fragte: Möchtest du?Buch-K hielt mir tatsächlich ihren Apfelrest hin. Ich blickte zu T. Denn, egal wie groß die Versuchung auch ist: Immer erst T fragen. T nickte. Also machte ich einen langen Hals, sehr langsam, öffnete meine Schnauze noch langsamer und nahm vorsichtig das saftige Geschenk entgegen und ließ mich auf den warmen Holzboden fallen. Ich liebe Äpfel. Besonders köstlich sind sie vor allem dann, wenn sie eigentlich einem Zweibeiner gehören. Seit diesem Treffen knabbert Buch-K ihre Äpfel übrigens weniger sorgfältig ab.

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Nach Buch-K besuchen wir Wurst-B. Wobei ich VOR der Tür warten muss, nicht mal IN ihr sitzen darf, selbst wenn die einladend offen steht. Es ist schwer auszuhalten, dass T ganz alleine zwischen so viel Wurst wählen muss. Wo sie sich doch so schlecht entscheiden kann. Deswegen kauft T eigentlich immer das Gleiche. Vier Scheiben Bierschinken, 100 Gramm Tatar und 150 Gramm von eurer Leberwurst mit Gurke.Wiegt Wurst-B ab und fragt nie: Darf’s ein bisschen mehr sein?, sondern immer: Und, meine Kleene, geht’s dir gut? Dabei ist Wurst-B viel kleiner als T. Mehr als einen ganzen Kopf sogar.

Sie kann kaum über die Glastheke gucken. Und während ich so vor der geöffneten Tür auf den kalten Fließen hocke und mir den Hals verrenke, um Wurst-B zu sehen, fragt die: Und wie geht’s der Püppi? Dann macht T einen Schritt zur Seite und schaut zu mir. Das verstehe ich immer als Signal, um ein bisschen nach vorne zu rutschen und wenigstens mit einer Pfote den Laden zu betreten. Weil T bei zwei Pfoten die Augenbrauen hebt, verzichte ich auf eine bequemere Position und fixiere Wurst-B mit meinem freundlichsten Blick. Wurst-B bekommt Grübchen und ihre Stimme wird noch glockiger als die von Buch-K: Na, guck mal, da isse ja, die Süße.

Soviel ist mal klar: ICH weiß, wie man Zweibeiner hypnotisiert. Im Fall von Wurst-B bin ich allerdings selber immer hypnotisiert – von dem verführerischen Duftpotpourri, das nirgends so sichtbar ist wie hier. Aufschnitt und Würstchen und große rote Fleischberge leuchten direkt durch die Scheiben. Vor lauter Wurstduft bin ich vollkommen bewegungsunfähig. T erlöst mich schließlich. Es braucht auch nur zwei, maximal drei Würstchen-Happse, dann bin ich wieder ganz ich.

Habe ich also meine Warte-Wurst intus, fordert mich T auf zu winken. Als Dankeschön. Ich muss mich wieder auf die kalten Fliesen setzen, T hockt sich neben mich, nimmt meine Pfote und schüttelte sie, dass sie rauf und runter schlackert. Das ist schon sehr lächerlich. Weil Wurst-B aber so glücklich aussieht, lasse ich mir bei dieser definitiv nicht artgerechten Geste unter die Pfote greifen. Und akzeptiere inzwischen auch, dass T mich MEINE Tüte mit MEINEN Würstchen nicht tragen lässt. Obwohl Wurst-B jedes Mal sagt: Für die Püppi. Es sind jedes Mal mindestens drei Paare, die Wurst-B mit ihrer kleinen Hand aus dem Wiener-Würstchen-Berg zieht und in eine, in MEINE Extra-Tüte steckt.

Drei Paar Würstchen bedeuten theoretisch sechs Wurstspuren. Oder, wenn T mal wieder findet, dass ich zu klein für mein Gewicht bin, sogar zwölf. Aber so ist das gerne mal mit Theorien: hübsche Gedankenkonstrukte, leider fern jeder Praxis. Der blanke Irrtum in meinem Fall. Denn mehr als vier Würstchen-Spuren im Garten bis zum nächsten Besuch bei Wurst-B legt mir T selten. Sollte es vielleicht doch einen Zusammenhang zwischen meinen ausbleibenden Spuren und T’s Seufzen ich muss abnehmen geben?

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