Hündin Milla

12:23:19 – Adoptionsangebot

Sobald wir den Markt verlassen und T mir endlich die Leine abnimmt, bin ich eigentlich in Transportstimmung. Kann es kaum erwarten nach Hause zu kommen. Laufe mit meiner Beute vor. Drehe mich regelmäßig um, damit T nicht denkt, ich hätte sie vor lauter Vorfreude auf mein Schweineohr vergessen. An diesem Tag gab es aber eben keine Beute nach Hause zu schleppen. Deswegen ließ ich mich bestimmt auch ablenken. Von etwas ungewöhnlichem, das wie Zigarettenrauch sanft vor mir her züngelte. Nicht stinkend, sondern warm, weich und frisch. Ein plötzlich empor flammender Duft, der mich magisch anzog. Mit erhobener Nase versuchte ich ihn zu lokalisieren. Er schwebte immer näher und plötzlich wurde das verführerische Aroma zu einer Zweibeinerin mit wolkigen Sonnenhaaren. Augen wie das ruhige Meer im Sommer sahen mich direkt an und eine zarte Stimme sagte sanft: Oh, was für ein hübsches Tier.

Ohne T um Erlaubnis zu fragen fuhr ich der Zweibeinerin vorsichtig mit meiner Zunge über ihre federleichte Hand. Und wedelte freudig. T sagte streng: Milla! Ich ignorierte es. MUSSTE es ignorieren. Die frisch gewaschene Hand streichelte mich nämlich sehr liebenswürdig am Kopf. Ich habe keine Angst vor Hunden, hat die weiche Samtstimme gesagt und: Du heißt also Milla? Das ist ja ein schöner Zufall, so hieß meine beste Freundin. T ist immer erfreut, wenn Zweibeiner keine Angst vor mir haben. Sie sind eine der wenigen, die nicht Milka oder Mila verstehen, hat T gesagt und ich roch ihre freudige Überraschung und ihre Neugierde auf die fremde Zweibeinerin. Früher hatte ich auch immer einen Hund, sagte die Zweibeinerin und hörte dabei nicht auf, mich zu streicheln.Was erklärte, warum sie genau wusste, wie sie mich liebkosen musste. Ich schnaufte ein bisschen, bot ihr nun mein Ohr an und sie kraulte es mit dem perfekten Druck, so, dass mir mein tiefes Wohlfühlknurren durch die Kehle rollte.

Ich komme übrigens aus Freiburg, hat die Zweibeinerin noch gesagt. T hat gesagt, das sei eine sehr schöne Stadt. Viel schöner als unsere. Dazu vom Klima doch angenehmer. Warum die Zweibeinerin denn jetzt hier lebe. Sie hat gelächelt und gesagt: Ich bin 90 und wollte in der Nähe meines Enkels und seiner Familie sein. Rechnen oder Zahlen gehört ganz sicher nicht zu meiner Kernkompetenz. Aber 90 klang nach einer hohen Zahl. Der höchsten, die ich je im Zusammenhang mit einem Zweibeiner gehört hatte. T offensichtlich auch. Sie sagte: Ehrlich? Ich hätte gewettet, Sie sind höchstens 70. Worauf die Zweibeinerin lachte und uns ihr Altersgeheimnis verriet: Egal, was man tut, es sollte immer leicht und mühelos sein.

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Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Zweibeinerinnen über zwei Dinge ungern bis nie sprechen, maximal jammern. Ihr Gewicht und ihr Alter. Aber M-in-Klammern-90, wie T sie seit unserem ersten Treffen nannte, hat kein Problem mit ihrem Alter. Vielleicht ist sie ja auch ein bisschen stolz. Weil sie alleine leben kann und geistig und körperlich topfitist.

Dann wollte M-in-Klammern-90 wissen, wo wir leben und seit wann, und dann hat sie gesagt: Ist das nicht wunderbar? Ich habe mir so sehr gewünscht, einen Menschen mit einem Hund kennen zu lernen. Und jetzt treffen wir uns.

M-in-Klammern-90 würde T als Tochter adoptieren. Und weil ich für T immer mein Baby sein werde, hat M-in-Klammern-90 mich auch adoptiert. Irgendwie. Aber das wussten wir bei diesem ersten Treffen alle noch nicht.

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Ich weiß natürlich genau, wie T riecht, wenn sie nur höflich ist, oder vom Zauber eines anderen Zweibeiners eingefangen wird. Was mehr als selten passiert. Von M-in-Klammern-90 war T sofort verzaubert. Genau wie ich. Denn M-in-Klammern-90 leuchtet. Dieser ganz besondere Glanz, der von ihr ausgeht, ist hell und leicht und sanft und liebevoll. Wann immer wir sie besuchen, lächelt sie und sagt: Ich bin gesund. Worüber sollte ich also klagen?

Dabei findet T, dass M-in-Klammern-90 allen Grund hätte zu klagen. Weil sie so alleine ist. Weil sie nicht mehr zu ihrer besten und ältesten Freundin A nach Frankreich fahren kann, weil der Weg zu beschwerlich ist. Weil sie keine neuen Freunde mehr findet. Menschen in meinem Alter sind schrecklich, sagt M-in-Klammern-90. Sie sind geistig eingerostet und wollen nur über Krankheiten reden. Was M-in-Klammern-90 nicht will. Und auch gar nicht kann, weil sie nämlich so gesund ist, dass ihr Arzt sich immer wundert. Ich schlafe viel, esse wenig, trinke keinen Alkohol und rauche nicht, deswegen bin ich so alt. Obwohl ich nie so alt werden wollte.

T nennt M-in-Klammern-90 bewundernd eine Dame. Bislang gab es für mich keinen Unterschied zwischen einer Zweibeinerin und einer Dame. Seit M-in-Klammern-90 in unserem Leben ist, glaube ich verstanden zu haben, dass es den tatsächlich gibt: Eine Dame ist immer höflich und gastfreundlich (bei jedem Besuch bekomme ich frische Kekse), klagt nie, schimpft nie, bittet nie um etwas, hat keine Angst vor Nichts und Niemanden und weiß auf alle Lebensfragen eine kluge Antwort. Sie ist dankbar für das, was sie hat und genießt es. So viele in ihrem Alter sind nicht mehr neugierig, sagt T und schwört mir, sie will nie aufhören, neugierig zu sein. Die meisten Alten sind Besserwisser, trauern der Vergangenheit hinterher und warten eigentlich nur noch auf den Tod. All das tut M-in-Klammern-90 nicht. Im Gegenteil. Wenn sie zu erzählen beginnt, liege ich vor ihr, die Schnauze auf der rechten Pfote und lasse sie nicht aus den Augen. T sitzt neben ihr auf dem Sofa, die Augen weit und den Mund ein bisschen geöffnet. Ich hatte ein wundervolles Leben, einen wundervollen Mann, sagt M-in-Klammern-90. Ich habe viel getanzt, mit meiner Familie im Iran gelebt, in Afrika, in der Schweiz. Ich spreche Französisch, Farsi und Italienisch.

Hündin Milla

Ihr Mann ist tot. Ihre älteste Tochter ist tot. Ihre jüngste Tochter lebt in Asien und meldet sich nie. Viele ihrer Freunde leben nicht mehr und M-in-Klammern-90 ist zu alt, um zu tanzen und zu verreisen. Und trotzdem ist sie dankbar für jeden Tag. Wir haben sie noch nie traurig erlebt. Man muss die Dinge, die man nicht ändern kann, akzeptieren, sagt M-in-Klammern-90 oft zu T, wenn die mal wieder hadert und unglücklich ist und keine Lösung weiß.

T erzählt M-in-Klammern-90 oft von ihren Problemen und die sagt dann: Wenn du nicht weiß, was die Lösung für ein Problem ist, dann warte darauf, bis du es weißt. Entscheide nie, nur um zu entscheiden. Vertraue dem Leben.Klingt nicht weiter kompliziert. Was vermutlich daran liegt, dass ich keine Probleme habe, die ich lösen muss. Im Gegensatz zu T. Sie nickt immer, wenn M-in-Klammern-90 solche Sätze sagt. Und hadert viel weniger, seit sie M-in-Klammern-90 öfter besucht. Trotzdem ist T natürlich immer noch oft traurig oder wütend. T ist zu ungeduldig. Das würde M-in-Klammern-90 ihr aber so nie sagen. Weil sie eben eine Dame ist.

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