12:24.31 – Schleifenzwang

Unsere Reise dauerte nicht lang genug für einen Pinkelpausenstopp. Dafür verschlang die Suche nach dem Ziel fast genauso viel Zeit wie unsere gesamte Fahrt. Denn T verweigert nach all den Jahren des regelmäßigen Verfahrens immer noch ein Navi. Sie hat mal was von NSA, Kontrolleund ausspionierengesagt. Weil T also unter einem gewissen Verfolgungswahn leidet, muss sie in eine altmodische Straßenkarte schauen. Was bekanntlich ja nicht ihre Stärke ist. Immer wieder hielt sie an, drehte die Karte hin und her und vor und zurück, fuhr mit dem Finger darüber, wackelte mit dem Kopf und murmelte mit geschlossenen Augen vor sich hin. Fuhr auf eine Tankstelle, hielt dann noch mal an einer Apotheke und endlich standen wir auf einem Parkplatz.

Geschafft,sagte T und klang erleichtert. Sie ließ mich aussteigen und ich war irritiert. Es gab keine Möwen. Die Luft roch nicht nach Salz, nur nach braunem Staub. Wir waren nicht am Ostmeer! Für einen Moment war ich enttäuscht. Zu allem Überfluss holte T aus ihrem Raumwunder ein rotes breites Band und knotete es um meinen Hals. Du kannst Schleife einfach tragen, Puppylotte, sagte T. Und in rot sowieso.

Ich hasse alles, was T mir um den Hals bindet. Leine oder Schleife – ich fühle mich eingeengt. Gegen so ein Schleifenhalsband zu rebellieren macht erfahrungsgemäß genauso wenig Sinn, wie gegen die Leine. Weil aber das rote Schleifenhalsband T fröhlich macht, trage ich die Dekoration mit Würde. Um ehrlich zu sein, ich vergesse sie schnell, weil sie im Gegensatz zur Leine gar nicht zu spüren ist.

T trug also die Sonnenblumen mit den roten Gladiolen, ich rote Schleife und Verantwortung. T brauchte einen Moment, um die richtige Klingel zu finden. Dann ging es ein paar glatte Treppenstufen nach oben. Eine Tür wurde geöffnet und da stand – Brief-Omi-C. Sie roch wie unsere Rosen im Italienbeet. Herzlich willkommen, liebe T! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass Sie mich wirklich besuchen kommen, hat Brief-Omi-C gesagt und genau wie T nach aufgeregter Fröhlichkeit geduftet. T ließ mich erst einmal sitzmachen und sagte dann: Ich freue mich so sehr, dass Sie Zeit für uns haben. Das ist übrigens Milla. Und Brief-Omi-C hat gesagt: Herzlich willkommen, liebe Milla.

*

Was mir von unserem Besuch noch in Erinnerung geblieben ist: Alles war weich und leise, ungewohnt flauschig unter den Pfoten und flüsterte: Mach es dir bequem. Weiter habe ich nichts gehört, nachdem Brief-Omi-C hinter uns die Haustür schloss. Meine Nägel klackten nicht, T schwebte lautlos hinter unserer Gastgeberin her. Der Fußboden im Flur, der Fußboden in der Küche, der Fußboden im Wohnzimmer, der Sessel, jeder Stuhl, das Sofa – alles war mit Teppichen bedeckt und wurde nach ausgiebiger Nasenprüfung von mir als höchst angenehm befunden.

Brief-Omi-C hat eine Stimme wie ein Bergbach.Möchte Milla vielleicht neben Ihnen auf dem Sofa sitzen?, hat sie gesagt und mich dabei freundlich angesehen. Oh, ja, ich mochte. Und wie! Um das zu bestätigen, platzierte ich meine rechte Vorderpfote direkt auf dem Sofa. Von T gab es dafür den strengen Blick. Mit sehr hohen Augenbrauen, leicht gesenktem Kopf und etwas geöffneten Lippen. Ich gönnte uns allen ein halblautes Seufzen, ließ die Pfote probehalber, wo sie war. Ein ruhiges Milla?!, das übrigens in solchen Fällen immer wie eine Frage klingt, und ein ausgestreckter Finger, der auf den Boden zeigte, überzeugten mich, dass es zu Füßen von T eigentlich viel gemütlicher sein würde als auf einem Teppichsofa.

*

Gemütlichkeit hilft, wenn sonst nichts passiert. Und es passierte nichts. Außer, dass T mit Brief-Omi-C auf dem Teppichsofa saß, Kuchen mit Sahne löffelte, von dem nicht ein einziger Krümel der Schwerkraft nachgab, und redete. Über Bianca und die Dreharbeiten und die Schauspieler. Brief-Omi-C hatte viele Fragen, T sämtliche Antworten. Erzählte Geschichten aus dem Story Departement. Ich hatte mich schon längst zur Seite fallen lassen und döste. Bis T endlich sagte: Wir müssen jetzt leider wieder los. Los bedeutet Aufbruch. Zur Hunderunde? Gab es endlich Futter? Nein. Wir sind noch zu einem Geburtstag eingeladen, hat T gesagt und ich wusste, ich würde die rote Schleife auch weiterhin ertragen müssen. Brief-Omi-C brachte uns zur Tür und zum Abschied haben sie und T sich umarmt. Ich bekam einen Kopfstreichler und Brief-Omi-C sagte: Ich kann mich gar nicht genug bedanken, dass Sie mich besucht haben. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. T hat gesagt, das hoffe sie auch. Bis heute sind wir aber kein zweites Mal nach Greifswald gefahren. Trotzdem bekommt T jeden Monat Post von Brief-Omi-C und schreibt ihr auch immer zurück.

Wir stiegen wieder in unser Auto, ich saß im Kofferraum und legte mich hin. Greifswald war nur ein Zwischenstopp gewesen. Würden wir jetzt ans Ostmeer fahren? Ich war mir fast sicher. Aber was ist schon sicher, wenn man mit T unterwegs ist? Höchstens, dass sie in die falsche Richtung fährt. Sogar wenn sie in die richtige Richtung fährt. Trotz Schildern und Karte musste T erst mal wieder an einer Tankstelle nachfragen, bevor wir endlich unser nächstes Ziel erreichten.

www.millas-blick.de

Schreibe einen Kommentar

*