12:01:32 – Schockverliebt

T ist dann also ohne mich nach Hause gefahren und hat ihrem Vater (den sie immer liebevoll Öpa nennt), erzählt, dass sie sich verliebt hätte, aber alle Welpen schon weg seien. Öpa war heimlich erleichtert. Er konnte nämlich nicht verstehen, warum T traurig war. Warum sie überhaupt einen Hund haben wollte. T hat versucht, sich selber zu trösten: Es wird schon seinen Grund haben. Aber dann ist es eben passiert, das Wunder. Zwei Abende später. Da hat Bauer G bei T angerufen: Wenn Sie noch Interesse haben, können Sie einen Welpen haben. T hat gefragt: Die kleine, zierliche? Damit hat sie nicht mich gemeint, das dürfte klar sein. Aber Bauer G hat gesagt: Nein. Kommen Sie vorbei, wenn Sie wollen. Dann zeig ich sie Ihnen.

T sagt, das sei einer der glücklichsten Momente in ihrem Leben gewesen. Sie ist sofort ins Auto gestiegen und losgefahren. Für mich spielt es keine Rolle, dass ich für T quasi die zweite Wahl war. Und T sagt, sie ist froh, dass es so gekommen ist. Und als sie Bauer G gefragt hat, ob die anderen Interessenten abgesprungen wären, sagte er: Nein. Ich glaube einfach, dass die Kleine es bei Ihnen besser haben wird. Damals hieß ich nur die Kleine. Bauer G findet nämlich, wenn ein Tier einen Namen hat, fällt es einem zu schwer, es wegzugeben.

Huendin Milla mit Mama im Stroh

Bis zu meiner ersten Begegnung mit T hatte ich mir überhaupt nicht vorstellen können, dass es ein Leben ohne meine drei Brüder, meine Schwester, meine Mutter oder Bauer G geben könnte. Der asphaltierte Hof, das große Haus aus roten Steinen, in das ich allerdings nie rein durfte, der hohe grüne Zaun aus Metall, an dem man sich die Zähne ausbeißt, das war meine Welt. Mein Zuhause war eine warme Höhle aus Stroh.

Was meine Mutter aufgrund ihrer Jugend nicht wusste, darum kümmerte sich Bauer G. Der wurde nie grob oder laut. Nicht mal, als meine Mutter, statt den Hof zu bewachen, dem Charme meines Vaters erlag. Ich war ein junges, dummes Ding und er war sehr gut gebaut und ungestüm. Viel mehr hat sie übrigens nie über ihn erzählt. Und weil sie so jung und schockverliebt war, und er so ein Draufgänger, hat sie auch nicht angeschlagen, als er elegant über den hohen grünen Zaun aus Metall segelte.

Während meine Mutter langes, dichtes, schwarzes Oberfell, braunes kuscheliges Unterfell und einen weißen Latz hat, war mein Vater schlank, muskulös und sein kurzes weißes Fell hatte unzählige kleine schwarze Punkte. Seine Ohren waren viel kleiner als die meiner Mutter, seine Schnauze länger, aber er habe unglaublich gut gerochen. Ihm verdanke ich also meine Punkte und Flecken und das kurze Fell. Von meiner Mutter habe ich die großen Augen und die noch größeren Schlappohren. Meinen Vater habe ich übrigens nur ein einziges Mal gesehen – er ging mit seinem Zweibeiner an der Leine auf der anderen Seite vom hohen grünen Zaun aus Metall vorbei und rief sehr laut: Ich bin euer Vater. Ich hätte ihn zwar gerne kennengelernt, aber vermisst habe ich ihn nie.

Als meine Mutter nicht mehr verheimlichen konnte, dass sie sich mit dem Hund der Nachbarn eine Querstrasse weiter eingelassen hatte, baute Bauer G ihr im alten Stall diese wunderbare Höhle aus Strohballen. Er war bei ihr, als wir geboren wurden. Von ihm ist auch die rote Lampe, die seit dem Tag unserer Geburt für wohlige Wärme sorgte. Ineinander verknäult und aneinandergekuschelt fühlten wir uns geborgen, verschliefen die Tage, während meine Mutter uns regelmäßig über das Gesicht leckte, zärtlich in den Nacken biss und zurücktrug, wenn wir uns vertapsten. Und vor allem dafür sorgte, dass wir satt wurden.

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Mein Leben war sorglos. Ein anderes konnte ich mir nicht vorstellen. Aber es würde ein anderes geben. Sehr bald sogar. Meine Mutter sagte: Sie werden kommen, um euch zu holen. Ich verstand erst nicht, wer sie waren. Aber dann tauchten sie auf. Die Zweibeiner. Ich habe sie alle immer nur aus der Ferne angesehen. Beschränkte mich darauf, freundlich zu gucken, aber keinesfalls zu wedeln. Das missverstehen Zweibeiner, warnte uns unsere Mutter, die sich übrigens nur mit Bauer G gut verstand. Jeden anderen, der ihr zu nahe kam, knurrte sie an. Und meine Mutter hat ein beängstigend tiefes Knurren. Für eine Hündin. Meine Stimme habe ich übrigens von ihr. Wenn ihr wedelt, sagte sie, streicheln sie euch, heben euch hoch. Und wenn ihr euch dann in ihren Arm kuschelt, dann nehmen sie euch mir weg. Ich wollte nicht weg von meiner Mutter. Auf gar keinen Fall. Also beschloss ich, weder zu wedeln, noch mich streicheln und schon gar nicht, mich hochheben zu lassen. Wobei ich gar nichts gegen Streicheln habe. Hinter den Ohren gekrault zu werden, entlockt mir sogar immer einen Laut, der von ganz alleine aus der Tiefe meiner Kehle rollt.

Countdown Milla

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