12:01:43 – Schicksal

Plötzlich spüre ich T’s vertraute Finger, die über mein linkes Ohr streichen. Ganz sanft, immer und immer wieder. Seidig, nennt T meine Ohren und legt manchmal ihr sehr kleines und knorpeliges Ohr dagegen. Sie tut mir ein bisschen Leid, denn mit so kleinen, knorpeligen Ohren ist es kein Wunder, dass sie so schlecht hört. Ohne es zu bemerken, habe ich mich offensichtlich auf die Seite gelegt. Etwas mühsam öffne ich die Augen. Dr. C sitzt immer noch auf dem Thron, T bei mir auf meiner Decke. Sie lächelt. Hör jetzt bloß nicht auf, denke ich. Es gibt nichts schöneres, als von T gestreichelt zu werden.

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Als wir größer waren, änderte meine Mutter übrigens ihre Meinung. Wenn ein Zweibeiner freundlich mit euch spricht, wenn er gut riecht und euch nicht einfach hochhebt, bevor ihr seine Hand beschnuppern durftet, dann wedelt ruhig. Ich wollte natürlich wissen, was das mit dem wegnehmen nun auf sich hatte. Erst sollten wir nicht wedeln, um uns nicht in Gefahr zu bringen, und nun doch? Meine Mutter biss mich in den Nacken, ganz vorsichtig natürlich nur, es tat nie weh, trug mich in unsere Höhle und sagte: Vertrau immer auf den Geruch, dann passiert dir nichts.

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Seit T das erste Mal bei uns war, kamen keine Fremden mehr zu Besuch. Dafür kam T jetzt jede Woche vorbei. Bei ihrem zweiten Besuch klopfte mein Herz genauso wie beim ersten Mal. Aber ich wusste ja, dass sie zu meiner Schwester wollte. Also biss ich meiner Mutter ins Ohr, knuffte sie halbherzig. Sie knurrte mich müde an, ich solle sie in Ruhe lassen. Da stürzte ich mich auf meinen jüngsten Bruder. Raufte mit ihm, zettelte ein Wettrennen an. Obwohl ich also so tat, als gäbe es absolut nichts Wichtigeres auf der Welt als meine Geschwister, galt meine ganze Aufmerksamkeit T. Ich hörte, wie sie aus ihrem roten Auto stieg. Hörte, wie sie bei Bauer G klingelte. Hörte, wie das Tor geöffnet wurde und T endlich den Hof betrat. T roch genauso betörend wie bei ihrem ersten Besuch. Und nach noch etwas anderem, Neuen. Heute weiß ich, es waren Aufregung und Vorfreude.

Wenn Zweibeiner sich freuen, zeigen sie ihre Zähne. Das ist erst mal beängstigend. Denn wenn wir Hunde unserer Gebiss entblößen, dann ist das ja eine warnende Drohgebärde. Nach dem Motto: Komm mir ja nicht zu nah. T zeigte erst Bauer G dann uns ihre Zähne – und ich fühlte mich überhaupt nicht bedroht. Kein winziges bisschen. Im Gegenteil. Deswegen hopste ich auf meinen kurzen dicken Beinen zu ihr. Sie gehört mir, keifte meine Schwester. Aber ich hörte gar nicht hin. Hatte nur Augen für T. Sie schien genau darauf gewartet zu haben – dass ICH zu ihr komme. Wieso ich mir so sicher war? T sah mich. Faltete sich zusammen und wurde so klein, dass ich ihr mit ein bisschen Anstrengung meine Vorderpfoten auf die Schultern legen konnte. Als T dabei alle Zähne zeigte, leckte ich ihr ganz schnell über den Mund. Sie drehte den Kopf weg und lachte. Also wusch ich ihr die Wange. T schmeckte genauso wie sie roch: wundervoll weich und warm. Und vor lauter Begeisterung machte sich meine Zunge selbständig. T schien das sehr zu gefallen. So ermutigt, tat ich ganz schnell das, was ich schon beim ersten Mal hatte tun wollen: Ich warf mich vor ihr auf den Rücken. Streckte alle Viere von mir. Blieb ganz still liegen. Was für einen Welpen schon eine enorme Herausforderung ist.

Eine kleine Sekunde passierte nichts. Und dann tat T genau das, was ich mir so sehnlich gewünscht hatte: Sie kraulte meinen Bauch. Sehr sanft, sehr vorsichtig, mit dem perfekten Druck. Ich legte den Kopf soweit zurück wie ich konnte (etwas, was meine Mutter uns eintrichterte, nur in allerhöchster Not und Gefahr zu tun: Wenn ihr unterlegen seid, zeigt eure Kehle. Dann weiß der Angreifer, dass ihr euch ergebt.) und wünschte mir, T würde nie wieder aufhören, mich zu kraulen. Ihre Hand war zart, gar nicht bedrohlich. Sondern vertraut.  

Bauer G stand plötzlich neben uns und ich kugelte zurück auf meine Pfoten. Für Bauer G hatte ich mich noch nie auf den Rücken gedreht. Sieht so aus, als würde es passen, sagte er. Und T hat mit einer Stimme geantwortet, die plötzlich seltsam zitterte: Ja. Das passt perfekt. – Was meinst du, kleiner Köter? 

Hündin Milla auf dem Arm der Autorin

Damals, als T mich erst kleiner Köter nannte und mir schließlich den Namen Milla schenkte, verstand ich die Sprache der Zweibeiner noch nicht sonderlich gut. Kannte ihre Worte oder gar ihre Bedeutungen nicht. Inzwischen habe ich aber so viele Jahre mit T gelebt, so oft vor dem Fernseher gelegen, bin so oft mit ihr im Kino gewesen, habe T bei ihren Gesprächen und Telefonaten zugehört, dass ich inzwischen jedes Wort verstehe und mehr weiß, als ich es mir je vorstellen konnte. Deswegen kenne ich auch die Bedeutung des Wortes Schicksal. Und glaube daran. Das Schicksal wollte, dass T und ich uns finden.

Was ich damals schon spürte, ohne es zu wissen: T war mein Lebenszweibeiner. Sie würde für immer zu mir gehören. Und ich für immer zu ihr.

Roman Millas-Blick

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