Millas-Blick

12:20:00 – Plankenpanik

Lange habe ich mich gefragt, ob Rampensau das Zweibeinerpendant zu Fressschwein ist. In gewisser Weise muss es das sein. Wobei ich als zertifiziertes Fressschwein T’s rampensäuische Freude an Feste feiern (feste Feiern? Feste Feiern?) nur bedingt teile.

Im Mai ist bei uns jedenfalls immer Ausnahmezustand, T im absolut überbordenden Lebensglücktaumel. Denn plötzlich ist alles, alles, ALLES total wunderbar, absolut großartig, unfassbar fantastisch, uneingeschränkt perfekt. T tanzt und singt und jubelt: Milla, dein Frauchen ist nun mal eine Rampensau. Und deswegen feiern wir die Feste wie sie fallen. Carpe diem. Dieser Ausnahmezustand hat natürlich einen Namen: Geburtstag.

Ich möchte an dieser Stelle kurz noch mal daran erinnern, dass mein ausländisch durchaus vorzeigbar ist. Aber carpe diem kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Anfänglich dachte ich deswegen, es sei ein besonderer Leckerbissen, den T mir bislang einfach nur vorenthalten hatte. Eine rare Köstlichkeit, aufgespart für besondere Anlässe, wie ihren oder sogar meinen Geburtstag oder Weihnachten. Ist leider nicht so. Dabei ist dieses carpe diem durchaus nach meinem Geschmack. Den Tag pflücken – das tue ich sowieso. Immer. Carpe diem wird für mich nur dann schwierig, wenn T es mal wieder anständig krachen lassen will, weil sie das Leben feiert. Dennoch habe ich bislang jedes Fest mit der mir angeborenen Gelassenheit und entsprechender Aufmerksamkeit überstanden: Jeder Gast wird immer angemessen freudig begrüßt, jedes Türklingeln mehrfach von mir klar, deutlich, also kräftig und laut, angezeigt. Schließlich besteht bei all dem Trubel die nicht ganz unberechtigte Befürchtung, dass T das Läuten überhören könnte.

Selbst wenn mir später schlecht ist von all den Delikatessen, die mir vor die Schnauze plumpsen, oder – wenn T gerade beschäftigt ist (was sie an ihrem Geburtstag durchgehend ist) – direkt geschenkt werden: Ich halte die Stellung. Selbst wenn meine Körbchenzeit längst überschritten ist: Ich bleibe bei T und ihren Gästen im Garten, gönne mir maximal einen schläfrigen Blick ins Lagerfeuer.

Ich kann also, ohne mich brüsten zu wollen, behaupten, an T’s Geburtstagen weder Erschöpfung noch Unwohlsein oder gar Ängste zu zeigen. Anders war es allerdings im Jahr nach ihrem 40ten.

Hündin Milla am Lagerfeuer

Das übliche Prozedere, wenn es mal wieder soweit ist, dass T unser Zuhause und sich selber in den Ausnahmezustand verwandelt: Ich sorge schon zwei Gute-Morgen-Runden vor dem eigentlichen Ereignis für absolute Müllminimierung: keine Obst- oder Gemüsereste verderben; kein noch so kleiner Schinkenwürfel oder Käseraspel, kein Teigkrümel bleibt auf dem Boden kleben. Mit Argusaugen, ohne Blinzeln, halte ich Blickkontakt mit T und bin zur Stelle, wenn sie mich braucht oder etwas übersieht, was ihr runter fällt. Job ist Job.

Dieses Mal stand T aber nur bedauerlich kurz in der Küche. Sie brauchte nicht mal den Hauch von Hilfe. Dann kamen D, Onkel A mit Herrn H, die winzige M, Buch-K mit I und Zwillings-S, die damals aber noch keine Zwillingszweibeinerwelpen hatte. Eine irritierend bescheidene Geburtstagsrunde. Noch viel irritierender war allerdings, dass T es nicht im Garten krachen ließ obwohl die Sonne schien, sondern wir ein kurzes Stück mit dem Auto fuhren. Was dann passierte, kann ich nur als allerschlimmsten Albtraum beschreiben. Er kann sich durchaus mit dem Via-Mala-Schrecken messen. Und dauerte länger als unsere längste Schweizwanderung.

Millas-Blick

T hatte sich in den Kopf gesetzt, mit ihren Freunden und mir auf dem Wasser zu feiern. Es ist ein offenes Geheimnis, wie sehr ich Wasser liebe. Schwimmen ist mein großes Glück. Aber eben im, nicht auf dem Wasser. Das war aber genau das, was T an diesem Tag von mir verlangte. Sie hatte ein schwimmendes Häuschen gemietet. Wie geil ist das denn, sagte Onkel A und in seiner Stimme war diese bewundernde Überraschung zu hören, die mich auf Stufe 3 (von 3) der Alarmbereitschaft katapultierte. Wir machen echt eine Floßfahrt?, hat Onkel A gefragt und klang sehr erfreut. Geradezu euphorisch.

So ein Floß ist nichts, was man als energiegeladener, bewegungsfreudiger Hund braucht. Oder gar will. Ein Floß schwankt. Es vermittelt auf Schritt und Tritt Ungleichgewicht, Unbequemlichkeit, Kontrollverlust und damit Gefahr. Deswegen brauchte T intensive Überredungskünste, damit ich meine Pfoten auf diese unheimlich schlingernden Planken setzte. Ich bin D und der kleinen M, aber vor allem Buch-K bis heute dankbar, dass sie mich zwischen ihren Beinen sitzen ließen, mich festhielten und streichelten und mir unermüdlich erklärten, was gerade passierte. Angeblich nichts. Was nicht den Tatsachen entsprach. Und zwar in keinem Augenblick.

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