Weihnachten Klavierspielen

12:16:41 – Klimperkastenkrach

Onkel A war empört über den Rausschmiss aus dem Doko-Hühnerstall. T enttäuscht und traurig und wütend. Mir war es egal. Wer weiß schon, wozu es gut ist. Das ist so ein Satz, mit dem sich T tröstet, wenn etwas passiert, was sie nicht ändern kann. Eine Tür klappt zu, eine andere dafür auf. Recht hat T. Nach der Causa Doko öffnete sich nämlich ein neues Bildungsfenster. Ein klassisches. Denn, das hat Öpa mir mal bei einem Spaziergang erklärt, zur Bildung gehören nicht nur Bücher und Filme, sondern auch Musik.

Schwierige Geschichte. Denn ich ertrage Musik – egal welche – nur aus großer Distanz. Sobald T ihren CD-Player auf 18 stellt und laut singend und tanzend unser Wohnzimmer zur musikalischen Hüpfburg umfunktioniert, verziehe ich mich in die hinterste Ecke unseres Gartens. Was im Winter schwierig ist. Zum Glück dauern T’s ekstatische Ausraster nie lange. Und kommen nur vor, wenn T Ende unter ein Drehbuch geschrieben hat. Passiert ja inzwischen auch nicht mehr. Aber, auch das weiß ich dank Öpa, Musik kann man ja auch selber machen. Und das ist genau genommen noch schlimmer.

Nachdem die Doko-Hühner nicht mehr in unserem Leben herumgackerten, sind T und ich jeden Donnerstag zu Klavier-C gefahren. Der unterrichtet nämlich das elegante Spiel mit den Fingern auf den schwarzen und weißen Tasten. Und weil T in ihrer Kindheit nicht nur die Flötentöne beigebracht wurden, sondern auch Taktgefühl, wollte sie wenigstens ihr eingerostetes Tastendrückenkönnen wieder auffrischen. Wie schön – für sie. Aber was habe ich damit zu tun? Mein Gehör ist sieben Mal empfindlicher als das von T. Und obwohl T wissen müsste, wie schmerzhaft laute Töne für mich sind, kann sie sich nicht vorstellen, dass Musik in meinen Ohren furchtbar weh tut.

Weil der Weg zu Klavier-C eine große Hunderunde ersetzt, hat T darauf bestanden, dass ich sie begleite. So fürsorglich und umsichtig T eigentlich ist – in diesem Fall hat sie alles ignoriert, was purer Stress für mich ist: Auf dem Asphalt neben ihr (sie auf dem Fahrrad) her hetzen; riesige Laster; knatternde Motorräder; hupende Autos. Und, nicht zu vergessen, Klaviergeklimper.

Weihnachten Klavierspielen

Ich weiß, T hat ihre Liebe zu allem, was mit Klavier zu tun hat, von Öpa. Er selber fuscht – in Ansätzen durchaus virtuos – an Rachmaninow & Co herum. Zu Weihnachten quetschen sich T und Öpa nebeneinander auf den kleinen Hocker und hauen mit vier Händen in die Tasten. Die Familie klatscht, mir klingeln die Ohren. Aber es dauert ja nie lange. T dagegen jede Woche eine Stunde lang beim Unterricht zuhören zu müssen – ein Alptraum. Nur meine bedingungslose Liebe zu ihr hat mich das ertragen lassen. Wenn sie Beethovens Mondscheinsonate spielt, Etüden von Bach, Variationen von Mozart, Sonaten von Schubert, Schumann, Händel oder Mendelssohn übt, vibriert und zuckt mein Körper als würde ich in einen elektrischen Zaun stolpern.

Zuhause besteht wenigstens die Chance den disharmonischen Wimmerkastenklängen zu fliehen. Aber wenn ich sie zum Unterricht begleiten musste, war ich eingesperrt mit Klavier-C, T und dem schwarzen Monsterflügel, der auf einem riesigen roten Samt-Tuch steht. Irgendwann lag ich ergeben in der hintersten Ecke. Habe geschlafen. Oder es wenigstens versucht. Nach zwei Sommern regelmäßiger Besuche bei Klavier-C habe ich nicht mal mehr mit den Ohren gezuckt, wenn T sich verspielt hat und dann beide Hände flach auf die Tasten krachen ließ.

Wenn Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei durch die Straßen sirenen, heule ich laut und hoch und lange mit weit überstrecktem Kopf und geschlossenen Augen. Dann schaut T zwar mitleidig, lacht aber gleichzeitig. Arme Puppy, sagt sie immer, ist gleich vorbei. Möglicherweise hätte ich bei T’s musikalischen Fingerübungen hin und wieder meinem jaulenden Heulbedürfnis nachgeben sollen. Hab ich natürlich nicht. Höflicher Hund eben.

Da fällt mir gerade ein: Schon seit längerem ignoriert T das Klavier. Es herrscht wohltemperiertes Schweigen. Sehr angenehm. Damit ist ein Stück musischer Bildung zum stummen Staubfänger mutiert. Ein klingender Ersatz ist bislang nicht in Hörweite.

Hündin Milla

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