12:09:35 – Dominanzgerangel

Ich mochte Chila’s stürmische und übermütige Art. Wir wurden richtig gute Freundinnen. Obwohl wir so unterschiedlich waren. Aber dann kam dieser Tag, der alles veränderte, an dem es eskalierte. Es war der Tag, als A zu T sagte: Ich habe mich neu verliebt und werde mit B und Chila zu ihm ziehen. T war traurig, dass A und U sich getrennt hatten und A mit B und Chila wegziehen würde, weil nämlich dann auch U nicht mehr unser Nachbar bleiben würde. T hat A geholfen, den Garten aufzuräumen. Buddelte mit ihr Blumen und Sträucher aus. Das war übrigens das einzige Mal, dass Chila unbedingt mithelfen wollte und es auch mit aller Kraft tat. Dagegen lag ich auf dem Rasen, sah T und A und Chila zu. Chila war enttäuscht, weil ich ihre Zerstörungsbegeisterung nicht teilen wollte.

Irgendwann war alles erledigt. A und T aßen Kuchen, Chila und ich bekamen jede eine Kaustange. A erzählte, dass Chila in Zukunft eine eigene Hundehütte im Garten haben würde. T hat gefragt: Glaubst du, Chila wird sich daran gewöhnen? Sie lebt doch schon so lange mit euch und schläft im Haus. A roch ein bisschen nach Zwiespalt. Und ich bin nicht sicher, ob Chila das mit der Hundehütte gewusst hat. Mir hat sie davon jedenfalls nichts erzählt. Irgendwann hat T dann gesagt: Ab nach Hause. Futter für den Hund. Ha! Mein Stichwort. Sofort stand ich auf und lief zum Eisentor. Chila folgte mir, verstellte mir aber plötzlich den Weg und knurrte mich an: Niemals! Bevor ich verstand, was sie eigentlich wollte, sprang sie mir an die Kehle und biss zu.

Ich habe ja viel Fell, gerade um den Hals herum, deswegen spürte ich ihre spitzen Zähne erst nicht. Du bleibst hier, hat Chila geknurrt, ich entscheide, wann du gehst. So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich wusste, dass Chila sich im Zusammenleben mit A, U und B für den Chef im Ring hält. Immer. Weil Chila ein bisschen jünger ist als ich, ich wiederum aber keine Chefambitionen habe, gab es zwischen uns nie Dominanzgerangel. Chila hatte mich noch nie attackiert. Bis zu diesem Tag.

Autorin Tina Gorf

Genau wie Schröder wurde Chila von jetzt auf sofort zur Bestie. Geifernd und brüllend hing sie an meinem Hals. Wie eine Zecke. Knurrte so bedrohlich, dass ich tatsächlich Angst bekam. Und mich versuchte zu wehren. Erfolglos. A rief schrill: Chila! Aus! T brüllte: Ich glaub’, ich spinne! Schluss! AUS! SOFORT! Ich war wirklich in Not. Wenn T in diesem Ton brüllt, dann gibt es nur eins: Gehorchen. Sofort. Aber ich konnte nicht. Chila hatte sich in meinem Halsfell verbissen. Tobte: Du bleibst bei mir! Ließ kurz los, knurrte und biss erneut zu. Immer wieder. Immer fester. Da übernahm mein Instinkt die Führung.

Ich bäumte mich auf. Wollte Chila an den Schultern zu Boden drücken, zur Aufgabe zwingen. Sie sollte sich ergeben. Chila ist zwar kleiner und leichter als ich, aber wendiger. Sie entwand sich meinen Pfoten und bäumte sich ebenfalls auf. Ihr Geifern wurde immer schriller und höher. Ich bin hier der Chef, keifte sie. Wir krallten unsere Vorderpfoten in die Schultern der anderen, während wir auf den Hinterbeinen standen und einander wirbelnd umtanzten. Chila fletschte ihre Zähne, schnappte nach mir. Sie raste vor Wut. Ihre Augen blitzten und funkelten bedrohlich und ich wusste, ich kämpfte gerade um mein Leben. Die Angst mobilisierte Kräfte in mir, von denen ich nicht mal geahnt hatte. Meine aberzogene Beißhemmung brach unkontrolliert aus mir raus. Ich fletschte jetzt ebenfalls die Zähne. Ich versuchte, Chilas Kehle zu erreichen. Sie riss ihren Kopf zurück. Schnappte nach meiner Kehle. Wir waren beide wie im Rausch. ES! REICHT! JETZT!, schrie T. Und ich spürte im selben Moment etwas hartes, kaltes, rundes zwischen meinen Vorderpfoten, an meinem Bauch. T stieß eine Eisenstange nach oben, wollte so Chila’s Schnauze von mir trennen. T’s Stimme schrillte: AUFHÖREN!

Ich weiß nicht mehr, wie es T und A gelang, uns zu trennen. Plötzlich war es vorbei. A hatte Chila am Halsband gepackt. Chila wehrte sich strampelnd und zappelnd und knurrend. T drängte mich durch das geöffnete Tor und warf es zu. Chila tobte weiter. A roch so sehr nach Panik, dass ich das Bedürfnis hatte sie zu beschützen. Die Luft war voll saurem und scharfem Angstgeruch. Mein Herz hämmerte, ich zitterte und hechelte schnell und mit hängender Zunge, als wären T und ich auf großer Radtour gewesen. Chila hatte sich von A losgerissen und war nach hinten in den Garten gerannt.

Es tut mir so leid, hat A zu T gesagt und ihre Stimme klang ganz blass und dünn. Ich weiß nicht, was schon wieder mit ihr los ist. T roch nach Erleichterung und sagte mit diesem Flirren in der Stimme: Alles gut. Ist ja nichts weiter passiert. Aber ich konnte ihre erschrockenen Gedanken spüren: Das war gruselig. Wie konnte das passieren? Es passiert ja nicht so wirklich oft, aber diese Geschichte hat T überfordert.

Sie hat BB davon erzählt, während ich mich von den Nasenhunden Zoé und Bonita ausgiebig beschnüffeln ließ. BB war erschrocken, hat gemeinsam mit T meine Kampfspuren versorgt: Meine Pfote war aufgerissen, ich hatte eine blutige Schramme über dem Auge und auf der Nase und zwei winzige Löcher im Halsfell. Für BB gab es keinen Kompromiss in der Angelegenheit: Wenn Chila so unkontrolliert und ohne Grund ausgeflippt ist, dann kann das jederzeit wieder passieren. Ich würde mit Milla jedenfalls nicht mehr auf das Grundstück gehen. Besser, ihr trefft euch nicht mehr in Chilas Revier. T war nicht glücklich mit diesem Vorschlag. Sie mochte Chila sehr und sagte zu mir: Was immer auch in Chilas Kopf vorgegangen ist, sie hat es bestimmt nicht böse gemeint. In solchen Kategorien denken nur Zweibeiner. Für mich war nur klar, dass meine Freundschaft mit Chila schwierig geworden war. Seitdem war ich immer auf der Hut, rechnete jederzeit mit einem erneuten Angriff. Der aber nicht passierte. Die Angst hatte ich bei Schröder ja auch. Aber weil wir beide nie mehr alleine miteinander waren, gab es auch keine Notwendigkeit mehr, sich gegeneinander zu behaupten.

Meine Wunden sind schnell verheilt. T hat BB’s Ratschlag ernst genommen. A, T, Chila und ich sind noch ein oder zwei Mal zusammen spazieren gewesen – und alles war friedlich und wie immer. Trotzdem war es nicht mehr wie vorher.

Nach ihrem Umzug habe ich Chila nur noch ein einziges Mal gesehen. In ihrem neuen Zuhause. Es war sehr groß, direkt an einem See. Darum habe ich Chila beneidet. Als T und ich ankamen, war Chila beinahe ängstlich und auch ich wusste nicht genau, wie ich mich verhalten sollte. Also hielten wir Abstand. Chila hat sich in ihrer Hütte verkrochen und mich nicht aus den Augen gelassen. Und ich bin im Gegenzug die ganze Zeit nicht von T’s Seite gewichen. Erst als T und ich nach Hause wollten, kam Chila zu mir und wir haben eine Runde zusammen gespielt, gerauft – wie früher.

Als T und ich dann losfuhren, habe ich noch kurz aus dem Kofferraumfenster geguckt. Chila hatte die Vorderpfoten auf den Zaun gelegt und uns nachgesehen. So habe ich Chila in Erinnerung behalten. Wiedergesehen habe ich meine stürmische Freundin aber nie mehr.

www.millas-blick.de

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