12:08:23 – Schatteneindringling

Endlich nahm K mir die Leine ab. Ich schüttelte mich, kratzte mir mit der Hinterpfote am Hals, fuhr mir ein paar Mal mit der Zunge durch das Fell. Dann war ich bereit. Aber es passierte erst mal – nichts. Jedenfalls nichts, was meine komplette Aufmerksamkeit erforderte. Denn K sprach zu den alten Zweibeinern. Ja, es schien, als hätte K mich vergessen. Also legte ich mich neben K’s Füße, um ihr zu signalisieren: Ich bin entspannt. So entspannt, dass mir irgendwann die Augen zuklappten. Die ich aber sofort wieder öffnete, als K mit ihrem Vortrag fertig war.

Und da erblickte ich eine sehr kleine Zweibeinerin in einem hellen langen Kleid und nur sehr wenigen Haaren auf dem Kopf. Sie öffnete den Mund. Zum ersten Mal sah ich einen Zweibeiner, der keine Zähne hat. Dafür einen Stuhl mit Rädern. Die zahnlose Zweibeinerin winkte uns zu. K und ich folgten ihrem Gruß. Hallo, Frau S, das ist Milla, sagte K sehr laut und langsam und nahm die sehr kleine, schrumpelige Hand mit den braunen Flecken und den dicken blauen Adern von Frau S in die Hand. Deren faltiger Mund ohne Zähne wurde ganz breit und ihre Augen, die sehr trüb schimmerten, wurden größer und ein bisschen klarer. Ich setzte mich neben die Räder, ohne K aus den Augen zu lassen, und eine Hand, klein wie von einem Kind, landete zart wie ein fallendes Kirschblatt auf meinen Kopf. Aufmunternd nickte K mir zu. Ganz klar die Aufforderung, die Begrüßung der Zweibeinerin im Räderstuhl zu erwidern.

Sanft strich meine raue Zunge über ihren Arm, der sehr trocken schmeckte. Frau S gluckste. Brav, gut machst du das, flüsterte mir K zu. So motiviert, legte ich meine Pfote auf das Knie der Zweibeinerin. Und spürte plötzlich überall Hände. An meinen Ohren, meinem Nacken, auf meinem Rücken. Herrlich, von so vielen vorsichtigen Händen so ausgiebig gestreichelt zu werden. Nur leider wuchs aus keiner Hand ein Stück Kuchen oder ein Klecks Sahne.

Der nächste Zweibeiner, den K mir vorstellte, hatte auch keine Zähne. Dafür sehr ansehnliche Ohren. Er roch nach Leere und sah zerstreut auf seinen Kuchen. Vorsichtig ließ ich meine Schnauze über seinem Knie schweben, schielte dabei hoch zu seinem Teller. Aber K kann eben leider auch Gedanken lesen. Bitte nicht füttern, sagte K laut und langsam und der leere Zweibeiner schaute K an, als habe er kein Wort verstanden. Zu meiner Enttäuschung wiederholte K ihre Bitte. Und obwohl der Zweibeiner immer noch leer und müde roch, und K gar nicht richtig anguckte, nickte er. Dann tatschte er etwas ratlos mit seiner Hand auf meinen Kopf und beugte sich zu mir. Wer bist du denn?, sagte er und nahm die Hand wieder weg. Der Zweibeiner gegenüber, mit Haaren wie eine Herbstpfütze, kicherte. Eine Kuh! Das ist eine kleine Kuh, sagte er und lachte. Der Zweibeiner mit den großen Ohren sah mich an, nickte und sagte: Ach, so. Ja. Natürlich. K ließ mich alleine mit den auf einmal so viel fröhlicher duftenden Zweibeinern, ging zu einem jüngeren mit Brille und im Anzug. Ich hörte K sagen: Ich denke, das ist doch ein guter Beweis, dass Hunde einen positiven Einfluss haben.

Was K und der Anzugszweibeiner noch besprachen, weiß ich nicht. Schließlich hatte ich meinen ganz eigenen Auftrag. Ich trottete von einem Tisch zum nächsten. Ließ mich streicheln und kraulen und liebkosen. Und entdeckte: Alte Zweibeiner haben ein großes Herz für hungrige Hunde. Da ich freiwillig nie ein Präsent ausschlagen würde, ließ ich mich jetzt vorsichtig auf den Bauch fallen, um die Geschenkkrümel unter dem Tisch aufzusaugen. Und weil weder Zweibeinerwelpen noch alte Zweibeiner es mögen, wenn an ihnen Kuchen oder Sahne kleben, säuberte ich an diesem Nachmittag zusätzlich auch noch jede Menge Hände.

Du bist großartig, hat K später im Auto zu mir gesagt. Dich nehme ich wieder mit. So ein Lob macht immer stolz und zufrieden. Aber der riesige Knochen, den K mir versprach, machte mich noch ein bisschen zufriedener.

*

Es war dunkel, als wir nach Hause kamen. Trotz der vielen gesäuberten Hände und Arme knurrte mein Magen. Voller Vorfreude auf mein Futter und den knackenden Nachtisch trabte ich vor K den Weg zum Haus rauf. Und was roch ich? Gemeinheit, Hinterlist, Bosheit. Das konnte nur, das musste der Fremde sein, vor dem K solche Angst hatte. Meine Nackenhaare sträubten sich und ich tat, was ich in meinem Leben nie wieder getan habe: Ich rannte so tief bellend vermischt mit drohendem Knurren und so schnell ich konnte (und ich konnte dank regelmäßiger Fahrradtouren mit T SEHR schnell rennen) hinter einem Schatten her. Der hatte zwar Vorsprung, aber ich war ganz dicht hinter ihm. Sein Geruch wurde stechender. Ich jagte ihn durch den großen Garten, beschimpfte ihn in einer Lautstärke, die mich selber ein bisschen einschüchterte. Und musste dann vor dem alten Holzzaun am Grundstücksende stehen bleiben.

Nicht, weil ich nicht hätte drüber springen können. Sondern weil ich gelernt habe: Zäune sind Begrenzungen, die gilt es zu akzeptieren. Immer. Ohne Ausnahme. Vielleicht wäre in diesem Fall eine Ausnahme die bessere Entscheidung gewesen? Vielleicht hätte ich in diesem Moment auf meine gute Erziehung pfeifen sollen? Hab ich aber nicht. Also stoppte ich mitten im Absprung, donnerte beide Vorderpfoten auf das Holz und brüllte dem übel riechenden Schatten hinterher, er solle zusehen, dass er Land gewinne! Er solle sich ja nie wieder sehen lassen. Sonst … Ich brüllte laut und lange, bis K schließlich bei mir war. Ich wusste nicht genau, ob ich das Richtige getan hatte und wedelte aufgeregt und gleichzeitig um Verständnis bittend. K sank neben mir auf die Knie, schlang beide Arme um meinen Hals und drückte ihr Gesicht in mein Halsfell. Sie flüsterte: Danke, Milla!

Während ich an meiner versprochenen knochigen Belohnung nagte, telefonierte K mit T. Milla ist eine Heldin, sagte K, sie hat mich gerettet. Mehr hörte ich nicht, weil meine Zähne knirschend an der Rinderbeinscheibe schabten.

*

Dieser schäbige Schatteneindringling ist übrigens nie wieder aufgetaucht. K und L leben immer noch in dem großen Haus mit dem noch größeren Garten und haben inzwischen eine Tochter, und Schröder hat meinen Job übernommen.

Dogge Schröder und Milla im Garten

Schröder kenne ich schon, seit er sich auf T’s Hand kuscheln konnte. Ja, so winzig war Schröder mal. Inzwischen ist er eine sehr, sehr imposante Dogge. Und glaubt immer noch, er wäre nicht größer als ein Kaninchen. Wenn wir ihn besuchen, tanzt er rasend verliebt meinen Namen. Genauso engagiert wie damals mein wunderbarer Freund Spöten. Wenn allerdings ein ausgewachsener Schröder deinen Namen tanzt, mit flatternden Ohren und Lefzen und fliegendem Speichel, dann wirkt er – nun ja, alles, aber nicht gefährlich. Aber K hat T vor ein paar Tagen am Telefon erzählt, dass ein aufdringlicher Nachbar durch den Garten gestapft ist. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Worauf Schröder nicht lange gefackelt und zugebissen hat. In die Hand.

Ich frage mich gerade, ob ich K, als sie mir damals in die Hand beigebracht hat, vielleicht falsch verstanden haben könnte.

www.millas-blick.de

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