12:07:00 – Altersfragen

Vor zwei Abenden war Dr. C auch schon bei uns. Ohne Rudi. Was mehr als in Ordnung ist, denn Rauhaardackelrudi ist nicht besonders gesellig. T begrüßt ihn trotzdem immer freudig mit mein großer Freund. Rudi kann locker unter meinem Bauch durchwackeln, ohne dass auch nur eins seiner beigebraunen Bürstenhaare mich kitzelt. Nicht, dass Schulterhöhe irgendwie wichtig wäre, aber großer Freund?! Ich vermute, T will Rudi ein besseres Gefühl geben, weil er solche Stummelbeine hat und ich ihn bei jedem Spaziergang locker abhänge. Zumindest auf langer Strecke.

Dr. C und T haben gehofft, Rudi und ich würden uns anfreunden. Haben wir aber nicht. Mehr als respektvolles Ignorieren geht nicht zwischen uns. Wobei das mit dem Respekt bei Rudi so eine Sache ist: Jedes Mal, wenn er uns besucht, fordere ich ihn höflich auf, doch bitte nicht jeden Strauch zu markieren. Was er dickköpfig überhört. Und T großzügig übersieht.

Dackel Rudi

Rudi mangelt es irgendwie an erkennbarem Mitgefühl. Nicht, dass ich von einem winzigen Wackeldackel bemitleidet werden möchte. Aber ein bisschen mehr Anteilnahme wäre schon schön. Bei einer unserer letzten gemeinsamen Hunderunden durch den Wald habe ich Rudi gestanden, dass ich schlimme Schmerzen beim Laufen habe. Rudi hoppelte einen Moment schweigend vor mir her. Dann kam er zu dem Ergebnis, dass ich wehleidig sei. Er knurrte: Mein Herz stolpert. Ich bin kurzatmig, manchmal kriege ich überhaupt gar keine Luft. Wir sind jetzt in dem Alter, da tut eben auch mal was weh. Damit war für ihn das Thema gegessen. Eine Erklärung, über die ich nachgedacht habe. Aber die mir nicht so richtig einleuchten will. Jedenfalls, seit dieser Abfuhr bemühe ich mich, keine Schwäche zu zeigen. Gelingt mir ziemlich perfekt. Alle lassen sich täuschen – außer T und natürlich Dr. C.

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Man ist nur so alt, wie man sich fühlt, sagt T immer. Und behauptet, seit ich sie kenne, sie sei 32. Dabei grinst sie. Obwohl ich lange nicht wahrhaben wollte, was Rüpelrudi mir fast schon gleichgültig wie ein nicht mehr quietschendes Spielzeug vor die Schnauze geworfen hat, muss ich gestehen: Er hat offensichtlich Recht. Welches Alter auch immer, mich hat es jedenfalls eingeholt. Warum sonst fehlt es mir an Energie und Kraft? Ich habe sie beide verloren, quasi über Nacht. Eines Morgens klang meine Stimme rau, dünn und hoch, statt tief und kräftig. Und dabei ist es geblieben. Ich vermeide es inzwischen zu bellen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Besucher lautstark begrüßt, voll Leidenschaft einen Ball gejagt oder T ein Stöckchen vor die Füße gelegt habe, damit sie es ins Wasser wirft.

Das ist irritierend. Schließlich war ich nie alt oder krank. Mit neun Monaten hat mich T zu Dr. D gebracht, weil sich das untere Lid von meinem Auge immer nach innen eingerollt hat. Das hat gejuckt und ich konnte nicht richtig gucken. Aber Dr. D hat es beseitigt. Genau wie die Möglichkeit, trächtig zu werden. Mit achteinhalb Jahren hat mir T dann den Luxus von Gold und Titan spendiert, die mir in die Gelenke eingesetzt wurden, damit die Spondylosen mich nicht mehr ärgern. Aber mehr war nie. Bis jetzt.

Seit vorletztem Sommer haben sich die doch eigentlich Gold-Titan-vertriebenen Schmerzen tatsächlich zurück gemeldet. Die Wahrheit ist, dass ich seitdem nicht mehr ganz rund laufe. Dr. C hat das A-Wort gesagt, das ich im Zusammenhang mit meiner Schwester, ihrem Fressneid und ihrer schnaufenden Zweibeinerin mit den pinkfarbenen Fingernägeln abgespeichert habe: Arthrose. Ich habe nun also Arthrose und Spondylosen und beides ist erblich bedingt, sagt Dr. C. Weil ich so groß bin und mein ganzes Leben unermüdlich gerannt und gesprungen bin. Dr. C hat aber auch gesagt: Eine Zeit lang kriegen wir das mit Tabletten und Spritzen in den Griff.

Milla beim Tierarzt

Was auch immer eine Zeit lang bedeutet – jetzt scheint es damit endgültig vorbei zu sein. Und obwohl T das weiß, schleppt sie mich plötzlich ständig von einem Dr. C-Kollegen zur nächsten Tierklinik. Keine Frage, die Zweibeiner in ihren grünen Kitteln sind freundlich und geben sich Mühe. Aber keiner von denen riecht auch nur im Ansatz so nach Kompetenz wie Dr. C. Alle nur nach Ahnungslosigkeit. Weil T aber nach noch größerer Hilflosigkeit riecht, besuchen wir also die unterschiedlichsten Grünkittel. Diese Besuche sind meist schmerzhaft, die Spondylosen und Arthrose bleiben und an meinem Alter ändert sich auch nichts.

Wenn wieder mal ein Besuch bei einem Dr. C-Kollegen ansteht, döse ich meist neben T auf kalten Fliesen, blinzele hin und wieder zu meinen Artgenossen, die mit dick bandagierten Pfoten oder Bäuchen oder mit diesen Plastiktrichtern um den Hals ein- und ausgehen. Wenn wir dann endlich in das Grünkittelzimmer dürfen, sagt T immer: Die Schmerzen werden schlimmer; die Tabletten verträgt sie nicht. Spätestens bei schlimmer zittert T’s Stimme und nach Tabletten weint sie. Die Grünkittel verschreiben wieder andere Tabletten – aber die helfen auch nicht. Kein bisschen. Im Gegenteil. Sie machen mich müde, antriebslos und katapultieren mich in eine tiefe, dunkle Stimmung. Schön ist das alles nicht.

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