12:00:00 – Schmerzfrei

Zum ersten Mal seit Monaten habe ich keine Schmerzen. Es ist der 21. Februar. Für T ist der Februar der schlimmste Monat von allen. Sagt sie jedenfalls jedes Jahr. Und stöhnt genervt über das Grau und die Kälte und den Regen und die schlecht gelaunten Menschen. Bis ihr einfällt, dass unser gemeinsames Leben im Februar begonnen hat. Genauer gesagt, am neunten Februar. Das ist inzwischen 13 Jahre her. Nur deswegen mag ich übrigens den Februar. Im Dezember hatten wir uns das erste Mal getroffen und dann, Anfang Februar, bin ich bei T eingezogen.

Mit jedem Atemzug entspanne ich mich. Das scheußliche Stechen im Rücken, in beiden Hüften, das mich auf Schritt und Tritt quält, mich langsamer sein lässt, als ich es je war, wird immer weniger. Ich bekomme viel besser Luft. Und plötzlich fühle ich mich kraftvoll. Jetzt wäre ich sogar bereit für einen großen Spaziergang. T scheint allerdings keinerlei Ambitionen zu haben, also bleibe ich ruhig liegen und warte, was passieren wird.

Dr. C ist heute anders als sonst. Nicht so burschikos. Nicht so streng und ungeduldig. Glücklicherweise musste sie sich nur wenige Male um meine kleineren Verletzungen kümmern. Oft war sie in Eile. Wenn sie mir Jod auf die aufgeschnittene Pfote tupfte und dann einen schicken Verband anlegte oder wenn sie meinen Bauch abtastete, fühlte ich mich sicher. Dass sie ausgerechnet heute Morgen so ungewöhnlich zartfühlend ist, wundert mich schon. Sie spricht leiser als normal. Ihr Blick ist nicht gehetzt, ihre Stimme, ihre Bewegungen und Berührungen sind ruhig und sanft.

Sie sagt, dass es heute Abend regnen wird und im selben Atemzug, ist nur ein kleiner Piks. Ich spüre kein Piks. Nur etwas, was sich wie träge Ameisen unter der Haut anfühlt. Während ich erleichtert lautlos seufze, weil der Piks gar nicht pikt und sich stattdessen diese wohlige Wärme in mir ausbreitet, antwortet T, sie hat die Schnauze gestrichen voll von diesem Scheißdreckswetter. Es ist so was von zum Kotzen, sagt T. Wenn T aufgewühlt ist, verliert sie ihre schöne Sprache. Ihre Stimme klingt dann wie schwarzer Stein und manchmal werden ihre Augen dunkel und beginnen zu schwimmen. Jetzt auch.

*

Dass es heute Abend regnen wird, weiß ich seit heute Morgen. Als T direkt nach dem Aufstehen sagte: Na, los, machen wir eine kurze Runde um den Block, und ich ihr den Gefallen tat, obwohl ich lieber liegen geblieben wäre, roch die Luft schon nach Wolkenbruch. Eigentlich wollten wir bis zur Bushaltestelle. Und ich wollte vorher noch im Blumenladen vorbei schauen. Aber sonntags ist nie geöffnet. Bis auf wenige Ausnahmen natürlich. Heute ist keine dieser Ausnahmen und Blumen-A, die mir immer, immer, IMMER zwei Kekse anbietet, wenn wir sie besuchen, ist nicht da. Ohne die fehlt mir aber die Motivation, T den Gefallen zu tun und ihr bis zur Bushaltestelle zu folgen. Ich schwöre, ich versuche wirklich seit Monaten diese elenden Schmerzen zu ignorieren, mir nichts anmerken zu lassen. Zumal es schon auch demütigend ist, so hinter T herzuschleichen. Als wäre ich alt und gebrechlich. Ohne meinen berühmten Elan, auf den T so stolz ist. Aber heute sind die Schmerzen schlimmer als sonst. Also tue ich etwas, was ich noch nie getan habe: Ich gebe auf.

*

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Morgenrunden sind eine Überwindung. Schon immer gewesen. Beim Wachwerden knurrt es in mir, ich will direkt und ohne Verzögerung mein erstes Futter des Tages. Aber T hat von Anfang an darauf bestanden, dass wir vorher eine halbe Stunde spazieren gehen. Was soll ich sagen? Immer, wenn wir draußen sind, vergesse ich meinen Hunger und bin froh, dass T sich durchgesetzt hat. Sie weiß, was gut für mich ist. Ich vertraue ihr. Ich folge ihr. Immer. Nur heute nicht. Heute Morgen war es pure Quälerei. Und T kennt mich lange genug – und gut genug. Sie weiß, wann ich bockig bin und meinen Kopf durchsetzen will und wann ich wirklich nicht weiter kann. Es war ein bisschen beschämend, denn der Blumenladen von A ist gerade mal zwanzig Meter von unserer Haustür entfernt. Ich blieb also vor der verschlossenen Blumenladentür stehen, sah T an und rebellierte stumm. Drehte mich halb um. Normalerweise wäre T einfach weitergegangen und ich wäre ihr schließlich gefolgt. Heute nicht. Wir sahen uns an, sie nickte und sagte den erlösenden Satz: Kein Problem, dann frühstücken wir jetzt.

8 Gedanken zu “12:00:00 – Schmerzfrei

  1. Danke, den Block teile ich mit einem meiner Söhne, der auch ein Tierfreund, insbesondere Hundefreund ist und mal eine “ Hundefarm“ haben möchte.

  2. Fängt alles ganz schön traurig an. Musste ein wenig weinen und denke gerade an die Zeiten zurück, in denen Milla bei uns in Moringen war. Wieviel Freude sie Heiko bereitet und sein Leben verschönt und bereichert hat. Sie war immer Öpas Sonnenschein. Jetzt freue ich mich schon sehr auf das nächste Kapitel. Liebe Grüße und dicke 😘😘 Mamamarianne

  3. Oh, ich erinnere Milla noch so lebhaft, aber auch als Ruhepol in unseren Literatur-Diskussionen. Sie lebt in uns weiter!
    Wie schön!
    Herzliche Grüße aus Jerusalem, wo jeder Hund etwas Besonderes ist, weil es viele Katzen gibt;-)

    Marianne

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