12:12:31 – Kreativlingleben

Ihr Versprechen, dass ich in einem Garten leben würde, hat T übrigens gehalten. Bis heute. Ich hoffe, sie hat Bauer G das erzählt. Der Garten war ja schließlich der Hauptgrund, warum Bauer G mich T anvertraut hat. Ein Garten und Freiberuflichkeit. Gut. Das mit der Freiberuflichkeit war mit unserem Umzug nach Potsdam erst mal gestrichen. Wir wohnten zwar genauso, wie T es versprochen hatte – ruhig, grün, groß, friedlich. Wir waren 24 Stunden am Tag zusammen, sieben Tage die Woche. Es gab keine langen Trennungen mehr. Ich lag auch weiterhin neben oder unter T’s Schreibtisch. Aber eben nicht mehr in trauter Zweisamkeit und Ruhe zu Hause. Stattdessen verließen wir jeden Morgen unser neues Heim und ich trabte neben T zur Arbeit. Da flogen schon mal Aschenbecher an Wände; Stühle, Stifte oder Papierkörbe segelten durch den Raum; es wurden Türen geknallt; auf dem Gang gebrüllt; irgendjemand schmollte oder weinte oder alles zusammen. Wir Kreativlinge müssen so … Weiterlesen..

12:12:23 – Trennungsgründe

Bevor T nämlich dafür gesorgt hat, dass Schauspieler im Fernsehen im richtigen Moment das Richtige sagen, hat sie in unterschiedlichen Städten sehr lange und manchmal auch sehr kurze Geschichten geschrieben. Die wurden in Zeitschriften und Zeitungen gedruckt und von Zweibeinern beim Frühstücksei und einer Tasse Kaffee oder abends auf der Couch oder wann und wo auch immer Zweibeiner in kurze oder lange Geschichten eben so eintauchen, gelesen. Öpa ist übrigens einer von diesen Zweibeinern – der liest nach dem Ei und der Tasse Kaffee. Genau wie I, T’s Mutter. Öpa und I haben tatsächlich T’s Geschichten ausgeschnitten und in einen Ordner sortiert. Und das, obwohl doch jeder weiß: Nichts ist so uninteressant wie die Geschichten von gestern. Haben Öpa und I im Fall von T’s Geschichten irgendwie anders gesehen. Jedenfalls hat T ihre Journalistenkarriere im Jahr vor meiner Geburt beendet. Und wieder aufleben lassen, als ich zu ihr zog. Von irgendwas müssen wir schließlich leben, … Weiterlesen..

12:12:00 – Redebedürftigkeiten

Wenn Zweibeiner nicht genau wissen, worüber sie mit ihrem Gegenüber reden sollen, sprechen sie über – natürlich – das Wetter. Haben T und Dr. C schon. Es wird regnen. Heute Abend. Thema erledigt. Schweigen zieht auf wie eine Gewitterwolke und kräuselt sich zwischen ihnen als unangenehmer Geruch. Ich kann riechen, wie unwohl T und Dr. C sich fühlen. Und verstehe es nicht. Schweigen ist doch wunderbar. So friedlich. T und ich schweigen oft miteinander. Manchmal treffen sich unsere Gedanken, kommunizieren ein bisschen, trennen sich wieder. Oft spricht T ihre Gedanken laut aus, ich lausche aufmerksam. So oder so: Unsere Welt ist in Ordnung. Mehr braucht es nicht. Nicht von meiner Seite. Bei T sieht das manchmal anders aus. Es gab sogar eine Phase, da war sie so unsicher, dass ich ihre chaotischen Gedanken einfach nicht mehr entwirren konnte. Wir hatten es gemütlich, gemeinsam auf dem dunkelroten Ledersofa. Eine Kerze brannte, T trank Tee und las … Weiterlesen..

12:11:37 – Besserwisserresultat

Wie es sich für ein vernünftiges Wesen gehört, betrachtete ich in gebührendem Abstand und angemessen argwöhnisch diese riesige Pfütze, die kein Ende nimmt und direkt in den Himmel übergeht. Ein grenzenloses Element aus Blau-, Grün- und Grautönen. Es roch salzig und bedrohlich. Aber T war fest entschlossen, dass das, was ihr gefällt, auch automatisch mir gefallen musste. (Viel später, zurück in Deutschland, an einem See, der ganz von Schilf umrandet war, hat sie mir mal gestanden, dass sie sich gruselt, wenn sie nicht sehen kann, was unter ihr schwimmt.) An diesem Tag, der übrigens weder sonderlich sonnig noch bis dahin sonst wie besonders war, ist T mit mir einige Kilometer über den Strand gelaufen. Immer an der Wasserkante entlang. Angeleint! Jawohl! Denn die Franzosen haben, bei aller Lässigkeit, Angst vor Hunden. Große Angst. So groß, dass sie das scheußliche Wort Leinenpflicht überall auf Schilder malen. Was für eine idiotische Verordnung. Nichts gegen Pflichten im Allgemeinen. … Weiterlesen..

12:11:28 – Umweg

T behauptet ja in schönster Regelmäßigkeit, der Weg ist das Ziel. Muss sie MIR nicht erklären. Wenn ich unbedingt meinen Ring oder ein Stöckchen aus dem Wasser retten will, dann lege ich mich dafür sehr ins Zeug. Sollte T aber aus unerklärlichen Gründen in dem Moment was anderes wollen als ich, dann warte ich einfach auf die nächste Gelegenheit. Denn, auch das hat T irgendwann erkannt, manchmal braucht man eben einen langen Atem. Schon erstaunlich, dass ausgerechnet T das sagt. Und sogar meint. Manchmal jedenfalls. Sobald T sich nämlich bewusst macht, dass der Weg ja eigentlich das Ziel ist, wird der plötzlich zur quälenden Herausforderung. Der großen, der ganz großen Qual. Irgendwann ploppt der Punkt auf, an dem T ver- und zweifelt, mit allem und jedem hadert, schimpft, tobt, weint, sich aufregt, sämtliche Zuversicht verliert, wenn es nicht so klappt, wie sie es geplant hat (meine Rede: ohne Pläne ist einfacher). Auf unserem Weg in … Weiterlesen..

12:11:00 – Sprachholperigkeiten

Es war Sommer. Mein erster Sommer bei T. Mein erster Sommer überhaupt. Meine erste lange Fahrt im Auto. Meine erste Nacht im Auto. Mein erster Besuch in einem fremden Land. Wer hat schon das Privileg, sich an den ersten Sommer seines Lebens zu erinnern? Ich tue es. Mehr als deutlich. Denn dieser Sommer war nicht nur mein erster, er war auch sehr besonders. Begonnen hat er unspektakulär. T hatte ja lange in Berlin gelebt und war nun wieder in ihrer alten Heimat. Sie traf viele alte Freunde. So auch die Eltern von O. Mit O ist T aufgewachsen. Sie nennt ihn ihre Sandkastenliebe. O ist nur drei Wochen älter als T. Sie sehen sich nur selten. Denn er wohnt seit vielen Jahren in Frankreich. O’s Eltern hatten gehofft, dass O und T eines Tages heiraten. Aber O hatte sich in eine Französin verliebt und die geheiratet. Sie haben ein Haus gebaut und drei Kinder bekommen. … Weiterlesen..

12:10:00 – Ostmeerliebe

Es ist ihre letzte Reise. Und sie macht das wunderbar. Wie meint Dr. C das jetzt? Letzte Reise. Wieso denn letzte Reise? Was heißt hier letzte Reise? T hat mir versprochen, dass wir schwimmen gehen. Bald. Ganz bald. Hat sie damit vielleicht sogar gemeint, dass wir wieder ans Ostmeer fahren? Oh, ich liebe das Ostmeer. Ich liebe, liebe, LIEBE es! Den Strand, die Möwen, die Wellen. T wirft den Ring, der sich in den Sand bohrt. Ich wühle meine Nase tief in die kitzligen Krümel, buddle wild mit den Vorderpfoten nach dem Ring. Wenn ich ihn nicht finde, belle ich T um Hilfe an und sie gräbt ihn für mich aus. Wirft ihn gegen den Wind im hohen Bogen in den blauen Himmel mit den weißen Wölkchen. Und der Ring plumpst in das blaue Ostmeer, das auch weiße Wölkchen hat. Ich sehe den Ring fliegen und fallen und hopse hinterher, pflüge durch das Wasser. Die … Weiterlesen..

12:09:35 – Dominanzgerangel

Ich mochte Chila’s stürmische und übermütige Art. Wir wurden richtig gute Freundinnen. Obwohl wir so unterschiedlich waren. Aber dann kam dieser Tag, der alles veränderte, an dem es eskalierte. Es war der Tag, als A zu T sagte: Ich habe mich neu verliebt und werde mit B und Chila zu ihm ziehen. T war traurig, dass A und U sich getrennt hatten und A mit B und Chila wegziehen würde, weil nämlich dann auch U nicht mehr unser Nachbar bleiben würde. T hat A geholfen, den Garten aufzuräumen. Buddelte mit ihr Blumen und Sträucher aus. Das war übrigens das einzige Mal, dass Chila unbedingt mithelfen wollte und es auch mit aller Kraft tat. Dagegen lag ich auf dem Rasen, sah T und A und Chila zu. Chila war enttäuscht, weil ich ihre Zerstörungsbegeisterung nicht teilen wollte. Irgendwann war alles erledigt. A und T aßen Kuchen, Chila und ich bekamen jede eine Kaustange. A erzählte, dass … Weiterlesen..

12:09:00 – Bestimmerwechsel

Die Sache mit Daisy aus der Schweiz und dem Triangel in meinem Ohr war eine blöde Verstrickung von unglücklichen Zufällen, wie T es irgendwann versöhnlich nannte. Stimmt. Deswegen hatte ich damals auch nicht das Bedürfnis, Daisy einen Denkzettel zu verpassen. Oder mich gar zu revanchieren. Abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich je irgendwelche Rachegelüste verspürt hätte. Und außerdem war ziemlich klar, dass wir uns nie wiedersehen würden. Im Fall von Schröder oder Chila war das allerdings anders. Die waren ja Bestandteil meines Lebens. Schröder war als Welpe und auch als Junghund sehr verliebt in mich. Ich fühlte mich geschmeichelt und immer herzlich willkommen, wenn er seine langen Beine verknotet und vor Freude geheult hat. Seit ich selber kein Welpe mehr bin, kann ich mit so stürmischen Strolchen aber nichts mehr anfangen. Richtig Spielen ist mit den Winzlingen ja eh nicht. Ständig stolpern sie über ihre eigenen Pfoten. Ständig wollen sie einen … Weiterlesen..

12:08:23 – Schatteneindringling

Endlich nahm K mir die Leine ab. Ich schüttelte mich, kratzte mir mit der Hinterpfote am Hals, fuhr mir ein paar Mal mit der Zunge durch das Fell. Dann war ich bereit. Aber es passierte erst mal – nichts. Jedenfalls nichts, was meine komplette Aufmerksamkeit erforderte. Denn K sprach zu den alten Zweibeinern. Ja, es schien, als hätte K mich vergessen. Also legte ich mich neben K’s Füße, um ihr zu signalisieren: Ich bin entspannt. So entspannt, dass mir irgendwann die Augen zuklappten. Die ich aber sofort wieder öffnete, als K mit ihrem Vortrag fertig war. Und da erblickte ich eine sehr kleine Zweibeinerin in einem hellen langen Kleid und nur sehr wenigen Haaren auf dem Kopf. Sie öffnete den Mund. Zum ersten Mal sah ich einen Zweibeiner, der keine Zähne hat. Dafür einen Stuhl mit Rädern. Die zahnlose Zweibeinerin winkte uns zu. K und ich folgten ihrem Gruß. Hallo, Frau S, das ist Milla, … Weiterlesen..