12:03:00 – Schmerzmonster

Schlimmer geht immer, seufzt T manchmal in komischer Verzweiflung. Oder sagt es mit großer Gleichgültigkeit. Verstanden habe ich früher nie, was genau sie damit meint. Jetzt weiß ich es. Weil ich es verstehe.
Vor ungefähr fünf Sommern hat der Schmerz mir das erste Mal zugeraunt, dass er ab jetzt immer bei mir bleiben wird. T hat ihn auch gehört – und ist mit mir zu einem großen Arzt gefahren. Der hat mich abgetastet und was von Spondylosen gesagt. Es handelt sich um eine deformierende Krankheit der Wirbelsäule, hat er T erklärt, während ich auf dem kalten Metalltisch lag und auf das Glas mit den Keksen schielte. Und weil er ein Spondylosen-Spezialist ist und T immer die beste Behandlung für mich will, hat der hühnige Arzt mit den großen, warmen Händen was von Gold-und Titanimplantaten gesagt. Die habe ich dann bekommen.
Nach sechs Wochen ohne Stöckchen retten, Radfahren und Schwimmen hat der Schmerz tatsächlich geschwiegen. Und ich habe ihn glatt vergessen. Bis vergangenen Sommer. Da kam er zurück und behauptete böse, ab jetzt gäbe es nichts mehr, was ihn davon abhalten könne, bei mir zu bleiben. Er hat nicht gelogen. Er lässt mich humpeln. Er lässt mich zusammenzucken. Er lässt mich schwerfällig sein, wenn ich aufstehen will. Er verhindert, dass ich hopse und springe und Bälle über die Wiese jage oder aus dem Wasser rette. Der Schmerz hält sein grausames Versprechen – deswegen kann ich ihn nicht mehr vergessen. Das nehme ich ihm übel. Sehr übel. Und T hat mal wieder Recht: Es geht tatsächlich immer noch schlimmer. Wobei ich mich inzwischen frage, wenn schlimmer immer geht – ist denn dann nie Schluss? Kann man diese Spirale wirklich nicht beenden? Gar nicht?

*

Vergangene Nacht war es so schlimm, dass ich überzeugt war: Jetzt geht es wirklich, wirklich nicht mehr schlimmer. Ich hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen, nicht mehr liegen zu können und mich trotzdem bewegen zu müssen. Ich gab mir alle Mühe, T nicht zu wecken. Trotzdem schreckte sie schon hoch, als ich noch mit drei Pfoten im Körbchen stand. Willst du raus?, fragte T und ihre Stimme hätte eigentlich müde und gereizt klingen sollen. Es war schließlich schon das vierte Mal in dieser Nacht, dass ich in den Garten fliehen und mich verstecken wollte und T deswegen aus ihrem unruhigen Schlaf riss.
Aber T’s Stimme war sehr leise, sehr sanft, sehr liebevoll. Um meine Dankbarkeit zu zeigen, versuchte ich zu wedeln. Ich schaffte lediglich eine beschämend zarte und dabei furchtbar schmerzhafte Andeutung mit der Schwanzspitze. T öffnete die Terrassentür und ließ mich raus in die Dunkelheit. Sie stand da, unruhig, zitternd, und sah zu, wie ich ziellos über den kalten, nassen Rasen schlurfte, um an ein paar trostlosen Grashalmen zu zupfen. Am liebsten hätte ich mich unter einen der Büsche verkrochen. So wie ich es seit Sommer jede Nacht getan habe. Weil es warm war und fast nie regnete, ließ T die Terrassentür immer auf. Ich konnte mich jederzeit vor dem Schmerz verstecken. Jetzt ist Winter. Gefühlt seit schon immer. Deswegen erlaubt T keine Gartenübernachtungen mehr. Wenn ich T doch klar machen könnte, dass ich mich nur vor dem lähmenden Ungeheuer verstecken möchte.


Jetzt, da ich auf meiner Wolke liege, ist die vergangene Nacht mit dem schlimmen Schmerz nur noch eine schwache Erinnerung, die immer blasser wird. Woran ich mich aber noch deutlich erinnere, sind T’s Worte nach unserer gescheiterten Morgenrunde zur Bushaltestelle. Sie rief Dr. C an und flüsterte: Ich kann nicht mehr. T’s Gesicht war grau, ihre Augen so schwarz wie noch nie. Sie drehte sich beim Sprechen von mir weg: Es ist nicht besser geworden. Im Gegenteil. – Es wird nicht mehr besser, oder?, hat sie gefragt. Ihre Stimme erinnerte mich an die winzige Kohlmeise, die aus ihrem Nest gefallen war, vor unserer Haustür lag und kaum hörbar nach ihrer Mama piepste.
Dr. C hat gefragt, ob T eine Entscheidung getroffen hätte und T hat gepiepst: Montag oder Dienstag. Es klang allerdings wie eine Frage. Dann schwieg sie. Ihr Kopf hing zwischen ihren Schultern, und die zuckten.
Meist erschließt sich mir der Inhalt eines Gesprächs durch T’s Antworten. Heute Morgen aber hörte ich Worte, deren Sinn ich nicht verstand. Bis T schließlich stammelte: Damit sich alle verabschieden können? Ich bin ganz sicher, sie hat verabschieden gesagt. Die Freude, die sich sonst einstellt, wenn wir verreisen wollen, lässt immer noch auf sich warten. Ich bin zu müde. Und irritiert, weil T nichts von einer Reise erzählt hat. Trotzdem schnaufte ich bei verabschieden zustimmend – verreisen bedeutet schließlich immer Abenteuer. Egal, wie weit wir verreisen, egal, wohin. Mir ist alles Recht. Solange T mich nur mitnimmt.
Offensichtlich fand Dr. C aber den Vorschlag, Montag oder Dienstag zu verreisen, nicht gut. Denn als sie darauf antwortete, atmete T plötzlich nicht mehr. Dann schluchzte T auf und ich hörte sie flüstern: Heute? JETZT? Dann schwieg sie wieder, nickte und klang bei ihrer Antwort so erschöpft, wie ich mich fühle: Ich weiß. Ich habe es mir geschworen. Und ihr auch. – Ja. Ich vertraue dir.

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