12:00:39 – Zwischenparken

Jetzt ist Mittag. Der Himmel grau und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, dass ich müde bin und überhaupt keine Lust auf nichts habe. Dr. C berührt kurz die Stelle, an der es angeblich gepikst hat, und setzt sich dann auf das wuchtige Ding aus geschnitztem dunklen Holz und schwarzem Leder, das mit Nieten verziert ist, mit dieser graden Rückenlehne und der empörend schmalen Sitzfläche. T nennt es den Thron. Ich habe nie versucht, es mir darauf gemütlich zu machen. Ich bevorzuge das Sofa. Die linke Hälfte. Und noch ein Stück von der rechten. Wenn ich es mir heimlich bequem machen will, schaut T streng und sagt: Warte! Wenn sie dabei das a so sehr in die Länge zieht, dass es wie waaaaaaaahhhhrte klingt, nehme ich die Pfote widerwillig wieder runter – und warte. Bis sie meine weiche Decke auf dem roten Leder ausgebreitet und fest gestopft hat. In letzter Zeit sagt T statt waaaaaahhhhhrte meist Sofa?, und hilft mir hoch. Früher, wenn sie Sachen wie zu Öpa? Oder schwimmen?  sagte, legte ich den Kopf schief und klappte meine Ohren nach vorne. Dann lachte sie. Jetzt lacht sie nicht, wenn sie Sofa? sagt und mir hoch hilft. Weil ich nämlich mit hängenden Ohren warte, ohne den Kopf schief zu legen.

Obwohl ich tatsächlich stolze Besitzerin von vier Körbchen bin, liebe ich das Sofa. Ich liege erhöht, kann alles sehen und bin T so herrlich nah. Ich rolle mich gemütlich ein oder strecke mich lang aus. T setzt sich meist zu mir und mehr brauche ich nicht, um mich wohl zu fühlen. Meine Decke, auf dem Sofa, T’s Füße an meinem Bauch oder Po – der perfekte Platz für ein Schläfchen. Jetzt allerdings liege ich nicht auf dem Sofa, sondern davor. Nein, ich liege auf Wolken und bedauere Dr. C, die auf dem unbequemen Thron sitzt, die Füße auf diesem kleinen Hocker.

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T hat ihn vergangenen Sommer gekauft, den Thron, von einem Hausmeister. Ich wäre gerne mitgefahren. Stattdessen musste ich mal wieder bei Blumen-A bleiben. Darf ich Milla bei dir parken?, fragte T und Blumen-A’s Antwort war auf diese Frage dieselbe wie seit Jahren: Na, klar. Wieso T parken sagt, habe ich nie verstanden. Zweibeiner parken ihr Auto oder ihr Fahrrad. Aber einen Hund? Ich wurde also von T bei Blumen-A geparkt. Was übrigens viel netter ist, als alleine im Garten auf T zu warten. Denn hinter Blumen-A’s Laden ist ein großes Grundstück, auf dem ich die arrogante Anwaltskatze jagen oder mich sonnen kann. Meist liege ich allerdings direkt bei Blumen-A im Geschäft. Was im Sommer großartig ist, weil die Steinfliesen herrlich kalt sind. Im Winter ist es auch in Ordnung, weil Blumen-A mir meine Decke auf eine olle Styroporplatte legt, direkt neben dem Ofen. Ein wuchtiges Ding, die Farbe erinnert mich an Senf.

Ich liege dann also da auf den Fliesen oder meiner Decke und beobachte, wie Blumen-A Menschen buntes Grünzeug verkauft, bekomme meine Kekse und kann hören, wenn T zurückkommt, um mich wieder nach Hause zu holen. T denkt, wenn sie mich bei Blumen-A parkt, sei ich beleidigt. Bin ich nie. Ich mache mir immer nur Sorgen, dass T mich vergessen könnte. Wobei, sie hat mich noch nie vergessen. Egal, wie lange T mich bei wem auch immer parkt: Sie kommt immer wieder und dann gehen wir gemeinsam nach Hause. Die Sorge bleibt trotzdem.

An dem Tag, als sie den Thron abholte, war ich allerdings tatsächlich ein klitzekleines bisschen beleidigt. Es war Sommer – und im Sommer fahren wir viel zu selten Auto. Aber wenn, dann geht’s zum See. Schwimmen. T würde nie ohne mich im See schwimmen. Bevor die Schmerzen so schlimm wurden, wie sie jetzt sind, waren wir meist mit dem Rad unterwegs. Was auch immer prima war. Aber Autofahren ist nun mal eine meiner großen Leidenschaften.

Immer wenn es losgeht und ich nicht weiß, wie lange wir fahren oder wohin, gucke ich sehr aufmerksam aus dem Fenster. Dauert die Fahrt länger, ruckelt es nicht, sondern fährt der Wagen ganz ruhig, mache ich es mir bequem und döse, bis T irgendwann langsamer wird. Sobald sie abbremst und abbiegt, bin ich hellwach und meist kann ich mich auf mein Gefühl verlassen: Ziel erreicht. Dann heißt es nichts wie raus aus der Kiste und ab geht die Luzie.

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T und Dr. C sprechen nicht. Nicht mit mir, nicht miteinander. Sie schweigen und lassen mich dabei nicht aus den Augen. Während Dr. C also da ein paar Meter von meiner Wolke weg thront, sitzt T neben mir und streichelt mir über den Kopf. Sehr sanft und gleichmäßig. Sie lächelt sogar. Allerdings nicht mit den Augen. Alles wird gut, flüstert sie plötzlich und nickt, als müsste sie sich selber davon überzeugen. Natürlich wird alles gut, denke ich irritiert, es ist doch schon alles gut. T ist bei mir. Das ist das einzige, was wirklich wichtig für mich ist. Was seit dem Februar vor dreizehn Jahren überhaupt je wichtig war. Sie ist der Mittelpunkt meines Lebens. Und ich bin der Mittelpunkt ihres Lebens. Das hat sie immer gesagt und ich weiß, dass sie es auch so meint. Weißt du noch, sagt T jetzt sehr leise, weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?

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